Montag, 10. Dezember 2018

Der kaum bekannte Herrscher des Elektroroller-Markts Eine einzige Fabrik in China sorgt für den E-Scooter-Boom

Roller-Sharing: Elektrischer Hype aus den USA
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Der in kurzer Zeit ausgebrochene Wettbewerb um Tretroller mit Elektromotor trägt wilde Züge. Die US-Startups Bird und Lime sind aus dem Nichts zu Milliardenwerten aufgestiegen, Nachahmer auch aus Deutschland werden mit Wagniskapital überhäuft, die Mitfahrdienste wie Uber oder Lyft beeilen sich, ihrerseits den Markt aufzurollen, Autokonzerne wie Ford steigen ein - der nächste große Hype.

Kaum Wettbewerb gibt es dagegen am Anfang der Lieferkette. "Bloomberg" hat die chinesische Firma Ninebot besucht, dessen Chef Gao Lufeng prahlt, "wir arbeiten mit allen geeigneten Playern zusammen, die Sie sich vorstellen können". Nach seiner Schätzung (Geschäftszahlen werden nicht bekannt gegeben) stammten vier von fünf weltweit verbreiteten E-Scootern aus einer von drei Ninebot-Fabriken - er selbst sei von dem Boom kalt erwischt worden: "Wir haben nicht erwartet, dass das Sharing-Geschäft solches Hyperwachstum hätte"; pures Glück, dass die Chinesen die Produktionskapazität hatten, um die plötzliche Nachfrage zu bedienen.

"Es ist schwer, genug Roller zu bekommen", räumte Lime-COO Joe Kraus ein. Die kalifornische Firma ist die einzige, die auf Distanz zu Ninebot geht - man nutze deren Fahrzeuge nur, um Lücken zu füllen. Ende Oktober musste Lime vor Brandgefahr mancher Roller warnen und einen Rückruf starten und schob die Schuld Ninebot zu - die Chinesen wiederum werfen Lime vor, an einem professionellen Wartungsdienst gespart zu haben.


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Lime-Investor Thomas Yao beharrt laut dem Bericht, es gebe inzwischen durchaus Alternativen zu Ninebot: vier andere Produzenten aus China. Ausfindig machen konnten die Reporter Inmotion Technologies aus Shenzhen, die in zwei Werken inzwischen 120.000 Fahrzeuge im Monat fertigen - nach eigenen Angaben fünfmal so viel wie vor einem Jahr. Doch auch deren Produkte gleichen denen von Ninebot - das seinerseits schon einige Patentstreits mit US-Entwicklern hatte.

Gaos Unternehmen wurde 2012 in Peking gegründet und bietet allerlei Fahrgeräte an, die irgendwo zwischen Spielzeug und Transportmittel angesiedelt sind. Dazu zählen auch elektrische Einräder, die inzwischen auf deutschen Straßen gelegentlich zu sehen sind, und elektrische Rollschuhe.


Im Video: So funktionieren elektrische Tretroller

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Bild: manager magazin

Am bekanntesten jedoch sind Segways, die inzwischen vor allem für Stadtführungen genutzten Stehroller mit zwei horizontal angeordneten Rädern. Den US-Hersteller Segway, dessen Erfindung 2001 beispielsweise vom "Time"-Magazin als "Neuerfindung des Rades" und von Apple-Gründe Steve Jobs als "so wichtig wie der PC" gefeiert wurde, hat Ninebot 2015 kurzerhand für 75 Millionen Dollar gekauft (nach einem Patentstreit).

Kapital hat Ninebot unter anderem von der Silicon-Valley-Beteiligungsfirma Sequoia Capital und vom heimischen Elektronikkonzern Xiaomi bekommen, der auch Ninebot-Einräder unter der eigenen Marke verkauft. Wegen des E-Scooter-Booms soll jetzt auch Ninebot selbst einen Milliardenwert haben und einen Börsengang erwägen.

Die Zukunft des Unternehmens hängt laut Gao aber nicht am Erfolg der Tretroller, deren Plattform er ursprünglich auch einmal BMW Börsen-Chart zeigen anbieten wollte (die Deutschen hatten immerhin Erfahrung mit Kabinenrollern). Ninebot habe noch mehrere Ideen für die Mobilität auf kurzen Wegen auf Lager - darunter angeblich auch eine, die tatsächlich fliegt.

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