Sonntag, 9. Dezember 2018

Eigenes Elektroauto-Werk und Ladesäulen-Netz Wie VW in den USA mit Elektroautos punkten will

Volkswagens geplante Elektro-Modelle: Ein E-Bus (rechts) und eine E-Limousine in Golf-Abmessungen

Zuerst sorgte Audi Börsen-Chart zeigen mit einer wohlproportionierten Elektrolimousine für Aufsehen auf der Automesse in Los Angeles. Dann erklärte Volkswagens neuer Nordamerika-Chef Scott Keogh am Rande der Messe, ein eigenes neues Werk für Elektrofahrzeuge zu planen. Und zuletzt deutete er an, mit einem neuen E-Modell zum Kaufpreis von 30.000 bis 40.000 Dollar direkt gegen Teslas Model 3 anfahren zu wollen.

Es sind gut dosierte Nachrichten, mit denen sich der Volkswagen-Konzern derzeit in den USA in Szene setzt und durchaus Mut beweist. Denn die Wolfsburger weisen so darauf hin, dass sie den Konzernschwenk Richtung Elektromobilität auch in Nordamerika vollziehen und dem Platzhirsch Tesla direkt in seinem Heimatmarkt Paroli bieten wollen.

Allerdings dauert es noch etwas, bis die Wolfsburger in den USA auf Touren kommen. Die nun gezeigte Audi-Elektrolimousine E-Tron GT Concept ist noch eine seriennahe Studie, ab 2020 soll sie dann in Serienversion erhältlich sein. Bereits bestellbar ist Audis Elektro-SUV E-Tron, der im September in San Francisco vorgestellt wurde. Übertrumpfen kann er Teslas E-SUV Model X allerdings in kaum einer technischen Kategorie. Details zu dem neuen US-Werk für E-Mobile will der Konzern nicht nennen. Und der Model 3-Rivale der Marke Volkswagen für die USA soll erst 2020 vorgestellt werden.

Um diesen Zeitrahmen zu halten, werde das neue E-Auto allerdings zunächst außerhalb der USA gefertigt, hieß es in Agenturberichten. Dann solle es aber an dem neu ausgewählten Standort produziert werden. Eine Option könnte das bestehende Volkswagen-Werk in Chattanooga im Bundesstaat Tennessee sein, wo der Passat und der SUV Atlas gebaut werden.

Die Pläne sind Teil der massiven Investitionen von Volkswagen in E-Fahrzeuge. Die Wolfsburger hatten kürzlich beschlossen, bis 2023 knapp 44 Milliarden Euro in die Elektromobilität, das autonome Fahren, Mobilitätsdienste und die Digitalisierung zu stecken - zehn Milliarden Euro mehr als VW für den letzten Planungszeitraum bis 2022 angesetzt hatte.

Welchen Vorteil "Electrify America" VW verschafft

Den Start ins US-Elektroautozeitalter bereitet Volkswagen auch auf einer anderen Front gründlich vor: Bei der Ladesäulen-Infrastruktur. Über das Tochterunternehmen "Electrify America" zieht Volkswagen ein eigenes Netz von Elektroauto-Ladestationen hoch. Es ist kein ganz freiwilliges Investment, sondern eine Konsequenz des Abgasskandals. Der Vergleich mit den US-Behörden sieht auch vor, dass VW bis zum Jahr 2027 zwei Milliarden Dollar in den Ausbau der Elektroauto-Ladeinfrastruktur investieren muss - dafür wurde "Electrify America" im Jahr 2016 gegründet.

Einen Teil des Geldes steckt VW in extrem schnelle Elektroauto-Ladesäulen mit 350 Kilowatt Ladeleistung. Sie sollen das Volladen eines Elektroauto-Akkus in knapp 20 Minuten ermöglichen. An Teslas Supercharger-Schnellladestationen dauert das aktuell mindestens doppelt so lange.

Noch gibt es allerdings keine Fahrzeuge am Markt, die die enorme Ladeleistung der VW-Schnelllader nutzen können. Das soll sich erst in ein bis zwei Jahren ändern: Porsches Elektro-Sportwagen Taycan, der 2020 auf den Markt kommen soll, ist für die 350-kW-Ladesäulen ausgelegt. Auch Audis gerade präsentierte Elektrolimousinen-Studie kommt mit den Turbo-Ladeströmen zurecht.

300 US-Schnellladestationen bis Ende 2019 geplant

Allerdings betreibt Tesla in den USA bereits hunderte Supercharger, an denen ausschließlich Tesla-Fahrzeuge laden können: Ende 2017 kamen die Kalifornier auf 443 Supercharger-Standorte, aktuell sollen es um die 550 sein. Bei Electrify America steckt das Schnellladenetz hingegen noch in den Kinderschuhen: Mitte Oktober waren 20 350-kW-Ladesäulen in den USA installiert, hieß es in einem Bericht der Fachzeitschrift Automobilwoche.

Bis Ende Juni 2019 soll das Netz der besonders schnellen Ladesäulen auf 300 Stationen anwachsen. Sie werden strategisch entlang mehrerer Highways von der West- bis zur Ostküste installiert. Nebenher lässt VW in Metropolen noch etwas langsamere Ladesäulen und 2800 Ladestationen für Unternehmen und Mieter errichten.

An den Turbo-Ladesäulen von "Electrify America" lassen sich auch Elektroautos von Nicht-VW-Marken problemlos laden. Die Säulen drosseln die Ladeleistung nach Bedarf auf ein für die Autos verträgliches Maß herunter. Mit dem US-Einzelhandelsriesen Walmart hat Electrify America vereinbart, Ladesäulen an mehr als 100 Walmart-Standorten zu errichten.

Noch ist das Ladenetz von VW dünn, Tesla wird bei der Anzahl der Ladestationen noch länger die Nase vorne haben. Doch VWs Entscheidung für echte Hochgeschwindigkeits-Säulen zeigt, dass die Wolfsburger US-Kunden mit einem der zugkräftigsten Auto-Verkaufsargumente ködern wollen: Der höchsten Geschwindigkeit - nicht unbedingt auf der Straße, aber zumindest an der Ladesäule.

Die Wolfsburger werkeln also daran, Tesla in den USA an einem wichtigen Punkt ausstechen zu können. Ob Elektroauto-Käufer darauf anspringen, wird sich aber erst ab 2020 zeigen, wenn Porsches Taycan und Audis Elektrolimousine auf den Markt kommen.

mit Material von dpa/Reuters

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