Sonntag, 9. Dezember 2018

Woche der Elektroauto-Entscheidungen VW will E-Auto für 20.000 Euro bauen und Werke umkrempeln

Prototyp von VWs geplantem Elektrobus I.D. Buzz auf der Frankfurter Automesse IAA

Pläne für ein besonders günstiges Elektroauto-Einstiegsmodell, Umrüstungen von zwei deutschen Werken, und Kooperationspläne mit einem jahrzehntelangen Konkurrenten: Bei seinem Treffen am Freitag hat der Volkswagen-Aufsichtsrat ein Entscheidungs-Programm vor sich, die den Wandel des Autoriesen zum großen Elektroauto-Player beschleunigen sollen.

Um dem Elektroauto-Riesen Tesla Einhalt zu gebieten, will VW-Konzernchef Herbert Diess nach dem Start seiner vollelektrischen ID-Modellfamilie zusätzlich einen E-Kleinwagen auf den Markt bringen. Er soll unter 20.000 Euro kosten und die Größe eines VW Polo haben, wie die Financial Times und mehrere Nachrichtenagenturen unter Verweis auf Konzernkreise berichten. Die Markteinführung des Modells soll demnach frühestens 2022 sein. Ziel sei es, stärker als bisher bekannt auf Elektrifizierung zu setzen. Volkswagen wollte dies zunächst nicht kommentieren.

VW -Konzernchef Herbert Diess hatte ohnehin angekündigt, Volkswagen wolle dem Elektroauto-Pionier Tesla bei den günstigeren Stromern den Rang ablaufen. "Da werden wir ihn stoppen, an der Linie von 30 000 Euro", hatte Diess bereits im vergangenen Jahr - damals noch als VW-Markenchef - gesagt.

Dafür - und für ihre weiteren Elektroauto-Pläne - wollen die Wolfsburger zwei ihrer deutschen Werke neu ausrichten.

So will VW sein Werk in Emden, in dem der Mittelklassewagen Passat vom Band läuft, komplett zum Elektroautowerk umrüsten. Über entsprechende Hinweise hatte manager-magazin.de Anfang November berichtet.

Laut den Berichten soll die Passat-Produktion soll aus Emden in ein Skoda-Werk in Tschechien verlagert werden. Hintergrund ist die sinkende Nachfrage nach Passat-Limousinen. Dies trifft vor allem das Werk Emden und hat wiederholt zu Kurzarbeit geführt.

Mit der Verlagerung der Passat-Produktion nach Tschechien soll in der Fabrik in Ostfriesland mit 9000 Beschäftigten Platz geschaffen werden für die Produktion neuer Elektro-Modelle. Die Pläne sehen vor, in Emden jährlich 200.000 Stück des intern "MEB entry" genannten Einstiegs-Stromers zu bauen. Das wäre in etwa das Produktionsvolumen, das Teslas deutlich teureres Model 3 aktuell erreicht. Daneben soll in Emden jährlich auch 100.000 Stück des Elektro-Mittelklassewagens I.D. Aero vom Band rollen.

VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann sagte, dass keinesfalls geplant sei, die Produktion des Passat einzustellen, der auch künftig ein wichtiges Modell sei: "Im Gegenteil, wir möchten unsere Markenpräsenz in diesem Marktsegment weiter ausbauen." Ein Sprecher ergänzte, der Konzern überprüfe laufend die optimale Belegung und Auslastung der Standorte. Es gehe darum, eine tragfähige Zukunftsperspektive in Emden zu finden.

Auch Batteriezellen-Kooperation soll diskutiert werden

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte den Vorstand des Autoriesen schon im August aufgefordert, für die Auslastung des Werks in Emden zu sorgen. "Wenn der Trend in Richtung Elektromobilität gehen würde, dann brauchen wir natürlich auch ein Elektroauto in Emden", sagte er damals und betonte: "Wir wollen nur, dass der "Zukunftspakt" eingehalten wird - 290 000 Fahrzeuge im Jahr 2020."

Zusätzlich soll auch das VW-Transporterwerk in Hannover zum reinen Elektrofahrzeug-Werk umgepolt werden. Künftig sollen dort jährlich 100.000 Stück des elektrische Bulli-Nachfolger I.D. Buzz gebaut - laut Insidern kommen in Hannover auch noch weitere E-Modelle dazu . Dafür will VW allerdings einen Teil der konventionellen Transporter-Produktion an ein Werk des künftigen Partners Ford in der Türkei abgeben. Mit dem zweitgrößten US-Autobauer verhandeln die Niedersachsen Insidern zufolge über eine breit angelegte Allianz bei autonomen Autos und batteriegetriebenen Stadtflitzern.

Und auch über die künftige VW-Strategie bei der Produktion von Elektroauto-Batterienzellen sollen die Unternehmenskontrolleure am Freitag abstimmen: Offenbar erwägt der Konzern doch eine Beteiligung am geplanten deutschen Konsortium für die Produktion von Batteriezellen für Elektroautos. Der Aufsichtsrat werde auch über den Einstieg in eine Batteriezellenproduktion entscheiden, erklärte ein Unternehmenskenner gegenüber Reuters. Der Vorstand werde dann wahrscheinlich beauftragt zu prüfen, ob man dies mit dem koreanischen Hersteller SKI Innovation oder in dem geplanten Konsortium machen werde. "Es gibt da mehrere Möglichkeiten", sagte der Insider. VW äußerte sich nicht.

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Stimmen die Aufsichtsräte den Umbauplänen für die Werke Emden und Hannover zu, dürfte Volkswagen ab den frühen 2020er-Jahren drei reine Elektroauto-Produktionsstätten in Deutschland betreiben. Im VW-Werk in Zwickau läuft der Umbau bereits. Im kommenden Jahr sollen in Sachsen das erste Elektromodell auf Basis des konzernweiten Elektroauto-Baukastens MEB vom Band rollen. Für das I.D. Neo genannte Fahrzeug hat VW einen Einstiegspreisauf dem Niveau eines vergleichbaren Dieselmodells versprochen. Das wären rund 23.000 Euro.

Mit den Produktionsverlagerungen in Emden und Hannover und den Umbauten will die VW-Führung im Hochpreisland Deutschland die Beschäftigung sichern, erklärte ein Spitzenmanager gegenüber Reuters. Der weltgrößte Autobauer steht wegen der von ihm verursachten Dieselkrise und schärferer Klimavorgaben unter Druck und geht nun in die Offensive. "Wir wollen nicht nur Gesetze erfüllen, sondern darüber hinausgehen", sagte ein Insider gegenüber Reuters. Ziel sei, die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens einzuhalten.


Mehr dazu: Wie Herbert Diess Volkswagens Zukunft plant


Luft für die damit verbundenen Investitionen will sich der Konzern durch Sparprogramme in Milliardenhöhe bei mehreren Marken verschaffen. Die bis Ende 2022 beschlossenen Investitionen von 34 Milliarden Euro in die Elektromobilität, autonomes Fahren, Digitalisierung und neue Mobilitätsdienste sollen nicht wesentlich steigen.

mit Material von Reuters, dpa

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