Donnerstag, 24. August 2017

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Deutsche Autoindustrie im Umbruch "Disruption dauert" 

Deutschlands wichtigste Industrie steckt mitten in einem dramatischen Wandel. Wolfgang Bernhart und Norbert Dressler, Partner und Automotive-Experten bei Roland Berger, erklären, warum die Autoindustrie Vollgas geben muss - und warum 2025 doch nicht überall Robotaxis fahren.

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mm: Herr Bernhart, Herr Dressler, wie zerstört ist die schöne, alte Autowelt?

Bernhart: Zerstört? Daimler, BMW und Volkswagen haben gerade ihre Gewinnprognosen für das erste Quartal deutlich übertroffen; fast jeden Monat werden neue Rekordverkaufszahlen gemeldet: noch funktioniert das Geschäft.

mm: Aber wie lange noch? Sie wollen mit Ihrem Disruption Radar vierteljährlich zeigen, wie schnell Schluss ist mit diesem Nahezu-Idealzustand für Deutschlands wahrscheinlich wichtigste Industriebranche, wie schnell Digitalisierung, Elektromobilität und neue Wettbewerber für die erfolgsverwöhnten Unternehmen gefährlich werden.

Bernhart: Im Radar ordnen wir viele unterschiedliche Signale ein. Wir wollen damit auch Hinweise liefern, wie schnell sich die Unternehmen umstellen müssen, wenn sie nicht abgehängt werden wollen. Der Satz, dass sich in den nächsten fünf Jahren mehr verändern wird als in den vergangenen 50, ist schnell gesagt. Aber wie man darauf reagiert, wo man investieren sollte und wo das Geld eher verschwendet wäre, das wissen Sie damit noch lange nicht.

mm: Sie haben 10 000 Menschen in zehn Ländern befragt. Und jetzt wissen Sie es?

Dressler: Erst einmal haben wir zusätzlich zahlreiche andere Indikatoren ausgewertet. Wir erheben auch keinen Anspruch auf Allwissenheit. Wir analysieren Antworten und Marktdaten; und eins verdeutlicht schon die erste Ausgabe unseres Disruption Radars: Die Dinge verändern sich schneller als es den meisten lieb ist. Die Autohersteller stehen unter höchstem Druck, sich an die neue Welt anzupassen.

Zu den Personen
  • Wolfgang Bernhart ist Partner der Unternehmensberatung Roland Berger. Elektromobilität gehört ebenso wie die Vernetzung von Automobilen zu seinen Spezialgebieten. Gemeinsam mit Norbert Dressler, ebenfalls Partner bei Roland Berger, gibt er den "Disruption Radar" heraus - vierteljährlich.

mm: In einer Ihrer Präsentationsfolien entwerfen Sie ein wunderbares Bild dieser neuen Welt. Eine Frau liegt im autonom rollenden Auto und liest ein Buch, in einem anderen Wagen sitzen die Menschen rund um einen Tisch. Fahrer gibt es nicht mehr. Wann erleben wir das? In 15 Jahren, in 20 Jahren? Nie?

Bernhart: Eins dürfen Sie nie vergessen: Disruption ist unaufhaltsam, aber sie dauert. Technisch und von den Kosten her wären batterieelektrisch angetriebene Autos wahrscheinlich ab 2022 wettbewerbsfähig. Auch bei computergesteuerten Fahrzeugen könnte es dann zumindest in begrenzten Regionen oder Städten so weit sein. Aber das wäre nur ein Startpunkt. Die Strukturen der Autoindustrie werden sich nicht binnen fünf Jahren auflösen.

mm: Weil die Kunden die Neuerungen nicht wollen?

Bernhart: Zum Beispiel. Weil sie Vertrauen in die neue Technik gewinnen müssen. Und weil die gesamte Infrastruktur stimmen muss. Disruption braucht in der Regel ein, zwei oder sogar drei Produktzyklen. Das simple Mobiltelefon verschwand auch nicht direkt vom Markt, als das erste Smartphone in den Handel kam. Bis die Automobilbranche wirklich nicht mehr wiedererkennbar ist, vergehen vielleicht noch 30 Jahre. Aber wer sich nicht jetzt schon intensiv darauf vorbereitet, was die Kunden 2025 und erst recht 2030 an Technologien und neuen Angeboten wollen, der wird langfristig keine Chance haben.

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