Donnerstag, 18. Oktober 2018

Dieselkompromiss Am Ende nur Verlierer

Automobilhersteller müssen in Form von Nachrüstungen und Umtauschprämien maßgeblich dazu beitragen, den Schaden zu heilen, den sie angerichtet haben.

Die deutsche Automobilindustrie hat unstrittig mit der Manipulation von Abgaswerten einen schweren, strafrechtlich relevanten Fehler gemacht. Zusätzlich war der Umgang mit diesem Fehlverhalten und dessen Aufarbeitung gegenüber der Öffentlichkeit seitens der betreffenden Unternehmen alles andere als glücklich. Die Entrüstung derjenigen, die sich betrogen fühlen, ist groß und der viel diskutierte Dieselkompromiss wird eher als faul, denn als fair empfunden.

Irina Kummert
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    Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied des DVFA Ethik Panels unter Leitung von Julian Nida-Rümelin sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search in Berlin.

Entsprechend angespannt ist das Klima, was unter anderem daran ablesbar ist, dass derzeit in Deutschland Sammelklagen vorbereitet werden, die wir in dieser Dimension bislang nur aus den USA kennen. Doch gerade wenn das Gefühl von Ungerechtigkeit und Ungleichheit besonders ausgeprägt ist, lohnt ein zweiter, unverstellter Blick auf die Gemengelage, bevor wir urteilen.

Autokauf entscheidet sich an der Zapfsäule

Im Jahr 2013 haben sich erstmals mehr als 50 Prozent aller Autokäufer und Autokäuferinnen für ein Fahrzeug mit Dieselmotor entschieden. Der Grund dafür war vermutlich nicht ein niedriger Emissionswert des Dieselmotors. Vielmehr dürfte das zu erwartende erfreuliche Erlebnis an der Tankstelle ausschlaggebend gewesen sein: Der Preis für einen Liter Diesel liegt aufgrund der geringeren Mineralölsteuer regelmäßig zwischen 7 und 20 Cent unter dem aller anderen Kraftstoffe.

Auch die Verbrauchswerte der Dieselmotoren liegen unter denen der Benzinmotoren. Selbst wenn sich die Qualität der Benziner weiter verbessert, ist bei den technisch ausgereiften Dieselmotoren von einem etwa 20 Prozent geringeren Verbrauch auszugehen. Dieselprämien haben den Verkauf zusätzlich angekurbelt.

Erst ab dem zweiten Halbjahr 2018 gab es nennenswerte Einbrüche bei den Absatzzahlen von Dieselfahrzeugen in Europa, davon laut der Studie einer großen Beratungsgesellschaft schätzungsweise 20 Prozent in Deutschland. Dabei hatte Volkswagen die Manipulation der Abgaswerte bei Dieselmotoren bereits im Herbst 2015 zugegeben. Die Verbraucherinnen und Verbraucher ziehen aber erst drei Jahre später die Konsequenzen - obwohl sie lange vorher wussten, dass die Abgaswerte höher waren als angegeben. Preise haben nun einmal Signalwirkung und befördern Kaufentscheidungen. Und letztlich wird der Autokauf im Wesentlichen an der Zapfsäule entschieden.

Wiedergutmachung schadet dem Standort Deutschland

Dass die Automobilhersteller in Form von Nachrüstungen und Umtauschprämien maßgeblich dazu beitragen müssen den Schaden, den sie angerichtet haben zu heilen, ist unbestritten. Mehr als ärgerlich dabei ist, dass viel Geld statt in Zukunftstechnologien in Schadensbegrenzung, Wiedergutmachung und damit in eine faktisch veraltete Technik investiert wird. Das schadet nicht nur dem Image der deutschen Automobilindustrie, sondern auch den Aktionären und dem Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt. Ein Lichtblick ist insofern der Automobilhersteller Porsche, der Ende September als erster deutscher Autobauer verkündete, sich von der Dieselproduktion konsequent verabschieden und vermehrt in Benziner, Hybridfahrzeuge und reine Elektrofahrzeuge investieren zu wollen.

Auf dem Trittbrett des Dieselkompromisses sitzen die Umweltverbände. Sie üben Druck auf die Politik aus und erreichen damit auf Sicht möglicherweise Fahrverbote in Städten, was wiederum den Einzelhandel empfindlich treffen dürfte. Es fragt sich, ob es nicht ausreichend wäre, den Preis für Dieselkraftstoff anzuheben, um dadurch über ein verändertes Kaufverhalten letztlich das zu erreichen, worüber alle sprechen: die Schadstoffbelastung in den Städten zu senken.

Die Kehrseite der Steuergeschenke

Die vermeintlichen Geschenke seitens der Politik, die in den vergangenen Jahren und bis heute den Verkauf von Dieselfahrzeugen begünstigen, wurden von den Verbraucherinnen und Verbrauchern nur zu gerne angenommen. Jetzt könnten sie dafür zur Kasse gebeten werden und Nachteile in Kauf nehmen müssen. Ist das ungerecht?

Gerechtigkeit wird im Sinne von Fairness gebraucht und spielt insbesondere dann eine Rolle, wenn es unterschiedliche Interessen, Ansprüche und Pflichten der beteiligten Parteien gibt. Wenn wir Gerechtigkeit fordern, geht es in erster Linie darum, nach welchen Kriterien die Verteilung von Gütern oder Lasten vorgenommen wird. Sobald mit Gerechtigkeit oder der Übernahme von Verantwortung argumentiert wird, sind meistens die anderen gemeint. Insofern ist Vorsicht geboten. Zumal jeder einen eigenen Begriff von Verantwortung hat - und zwar meist einen anderen als sein Gegenüber.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass auch wir als Verbraucherinnen und Verbraucher uns selbstkritisch damit auseinandersetzen, wie unser persönlicher Beitrag aussehen könnte. Ein wesentlicher Schritt wäre ein anderes Konsumentenverhalten und ein Umdenken. Wir wollen Qualität, aber zu einem möglichst niedrigen Preis. Wir machen uns für den Umweltschutz und faire Produktionsbedingungen stark, aber setzen andere Prioritäten, wenn das bedeutet, mehr bezahlen oder eine andere Kaufentscheidung treffen zu müssen. Wir wollen die Vorteile für uns nutzen, aber keine Nachteile in Kauf nehmen. Die Dieselaffäre macht deutlich, dass diese Strategie nach hinten losgehen kann.

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied des DVFA Ethik Panels sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken und schreibt als Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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