Sonntag, 20. Mai 2018

Abgastests mit Affen Tierversuche bringen Daimler- und BMW-Manager zu Fall

Daimler will den Ruf der Marke mit dem Stern sauber halten und zieht wie zuvor Volkswagen personelle Konsequenzen aus den bekannt gewordenen Tierversuchen mit Dieselabgasen
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Daimler will den Ruf der Marke mit dem Stern sauber halten und zieht wie zuvor Volkswagen personelle Konsequenzen aus den bekannt gewordenen Tierversuchen mit Dieselabgasen

Nach Volkswagen ziehen jetzt auch Daimler und BMW personelle Konsequenzen aus den Tier- und Menschenversuchen mit Dieselabgasen. Beide Konzerne stellen die Manager, die für die Autobauer im Vorstand der Lobbyorganisation EUGT saßen, mit sofortiger Wirkung frei.

Im Zusammenhang mit den umstrittenen Abgasversuchen an Affen und Menschen ziehen jetzt auch Daimler und BMW personelle Konsequenzen. Udo Hartmann, seines Zeichens Leiter Konzern Umweltschutz der Daimler AG, hatte den Autobauer im Vorstand der Lobbyorganisation EUGT vertreten. Er werde mit sofortiger Wirkung freigestellt, teilte Daimler am Mittwoch mit.

Daimler will sich nach eigenen Angaben bei der Aufklärung des Falls von einer externen Kanzlei unterstützen lassen. Der Autobauer bekräftigte, die Versuche der EUGT aufs Schärfste zu verurteilen und sich davon zu distanzieren. Man werde sicherstellen, dass sich derartige Vorgänge nicht wiederholen, hieß es.

Auch BMW beurlaubte am Mittwoch seinen EUGT-Vertreter für die Zeit der Ermittlungen vom Dienst. Frank Hansen ist Leiter des Zentrums für "Urbane Mobilität". Hansen "bleibt Mitarbeiter der BMW Group", werde nur vorerst auf eigenen Wunsch von seinen aktuellen Aufgaben befreit, teilte BMW mit. Hansen habe glaubhaft versichert, dass er EUGT-Tierversuche kritisch hinterfragt habe. BMW habe an den Studien nicht mitgewirkt. In der laufenden Untersuchung gelte für den Mitarbeiter die Unschuldsvermutung. "Gleichzeitig steht die BMW Group zu ihrer Fürsorgepflicht gegenüber ihren Mitarbeitern", sagte ein Sprecher.

Am Dienstag hatte bereits Volkswagen seinen Cheflobbyisten Thomas Steg beurlaubt. Daimler hatte zusammen mit Volkswagen, BMW und dem Zulieferer Bosch die Forschungsgruppe "European Group on Environment and Health in the Transport Sector" (EUGT) 2007 gegründet. Ziel war es, die Gesundheitsfolgen von Schadstoffen wie das von Dieselmotoren ausgestoßene Stickoxid zu erforschen. Auch von BMW saß ein Manager im Vorstand der EUGT.

Freigestellt: Daimler-Manager Udo Hartmann
youtube/Mercedes-Benz Deutschlan
Freigestellt: Daimler-Manager Udo Hartmann

Der Lobbyverein wollte 2014 mit Versuchen an Affen offenbar nachweisen, dass Dieselabgase weit weniger gefährlich sind als von der Weltgesundheitsorganisation WHO festgestellt. Er förderte auch ein Experiment, bei dem sich in Deutschland 25 Probanden an einem Institut der Uniklinik RWTH Aachen dem Reizgas Stickstoffoxid aussetzten.

Auch Volkswagen-Chef Matthias Müller äußerte sich am Mittwoch nochmal zu der Affäre. Gegenüber dem n-tv sagte er: "Mir ist im Moment auch ehrlich gesagt nicht klar, warum diese Einheit bei der Organisation von Herrn Steg angedockt war und eben nicht bei der Forschung. Das werden wir recherchieren." Der Konzernchef nannte es "ein kleines bisschen willkürlich", einen Bezug der Experimente zum Diesel herzustellen - "wenngleich natürlich der Diesel Gegenstand des Auftrages war".

Folgt auf "Dieselgate" nun "Dieselgate 2"?

Für die deutschen Autokonzerne, die überdurchschnittlich viele Diesel verkaufen, kommen die jüngsten Berichte zur Unzeit. Gerade war es im Abgasskandal wieder etwas ruhiger geworden. Nun aber könnte stehen bleiben: Erneut wurde versucht, die Gesundheitsgefahren von Dieselabgasen zu verharmlosen - auch wenn die Affen-Studie bereits 2014 erarbeitet wurde. Das war vor dem Auffliegen der Abgas-Affäre bei VW im Herbst 2015.

Folgt auf "Dieselgate" nun "Dieselgate 2"? Zwar haben jetzt die Konzerne aufgrund des öffentlichen Drucks personelle Konsequenzen gezogen. Aber nicht wenige Beobachter sehen mit den verschwiegenen Tier- und Menschenversuchen die deutschen Autobauer im Dieselskandal weiter ins Hintertreffen geraten.


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Das Dilemma: Die Industrie braucht den Diesel, um verschärfte Grenzwerte der EU einhalten zu können. Es geht um den "Klimakiller" CO2. Aus Branchensicht erzeugen Diesel bei gleicher Motorleistung weniger CO2 als Benziner. Je weniger Diesel also in der Flotte, desto schwieriger wird es, Grenzwerte einzuhalten, so die Argumentation.

Vor diesem Hintergrund verwundert nicht, dass Volkswagen-Chef Müller trotz allem weiter versucht, den Dieselmotor zu rehabilitieren. "Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass unsere Kunden an der Stelle ein weiteres Mal verunsichert sind", sagte er. "Nichtsdestotrotz werden wir weiter in die Diesel-Technologie auf absehbare Zeit investieren", kündigte er in dem Interview an.

Allerdings gibt es zunehmend Stimmen, die die Diesel-Rechnung anders sehen. Der Umweltverbund ICCT kommt in einer Analyse zum Ergebnis: Diesel bieten beim Klimaschutz keinen nennenswerten Vorteil mehr. Denn oft werde der niedrigere Verbrauch ausgeglichen durch die Wahl eines größeren Fahrzeugtyps.

rei mit Nachrichtenagenturen

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