Samstag, 16. Dezember 2017

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Vom Autoproduzenten zum vernetzten Mobilitätsdienstleister So schaffen BMW, Daimler und VW den Anschluss

VWs Roadmap E: Das sind die neuen Volkswagen Modelle
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REUTERS

Deutschlands Autohersteller sind für die digitale Zukunft nicht gut genug aufgestellt. Verglichen mit den neuen Wettbewerbern aus dem Silicon Valley und aus Fernost müssen Volkswagen, Daimler und BMW im digitalen Sektor jetzt Vollgas geben. Noch ist es möglich das Steuer herumzureißen und auf den vier entscheidenden Gebieten aufzuholen. Doch viel Zeit bleibt nicht. Teil 3: Connected Car.


Alle Teile dieser Serie:
Teil 1: Mit Standgas in die Zukunft
Teil 2: Autonomes Fahren - Google auf Speed
Teil 3: So schaffen BMW, Daimler und VW den Anschluss
Teil 4: Deutschland braucht die volle Ladung

Die Idee, ein Auto mit einer Zentrale zu verbinden, also zu "connecten", kam erstmals 1996 bei General Motors auf. Getrieben vom Sicherheitsaspekt entwickelte GM neuartige automatische Notruffunktionen, mit der man Auto und Insassen in einer Unfallsituation schnell lokalisieren und Hilfe senden konnte. Seitdem hat sich die Idee des vernetzten Fahrzeugs vom reinen Nothelfer zum internetbasierten ständigen Begleiter mit einer Vielzahl zusätzlicher Dienste weiterentwickelt - mit dem Hintergedanken, die eigenen Kunden immer besser kennenzulernen und zu verstehen. So wäre es zum Beispiel möglich, eine Reiseplanung von Tür zu Tür anzubieten, von der Autofahrt zum Park-and-Ride-Parkplatz über die Fahrt mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof bis zur anschließenden Fahrt mit dem ICE. Alles in einem Paket mit einer einfachen Abrechnung.

Patrick Setzer
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    Patrick Setzer
    Patrick Setzer ist seit 20 Jahren im digitalen Sektor tätig. Er hat selbst zwei Internet-Firmen gegründet, in Start-ups investiert und war in verschiedenen Dax- und TecDax- Unternehmen als Manager von Wachstumsfeldern tätig. Zuletzt leitete er zwei Mobilitätsdienstleistungs-Bereiche bei einem deutschen Autokonzern. www.setzer.net

In einer Welt, die "connected" ist, steht das Auto über das Internet konstant in Verbindung mit der - ebenfalls vernetzten - Außenwelt und ermöglicht so ein höheres Komfortangebot für den Kunden, sowie die Chance für die Autohersteller, lokalisierte und personalisierte Daten aus dem Fahrzeug in neue digitale Produkte zu verwandeln.

Investiert in Datendienste!

Neben diesen Angeboten rund um die Mobilität ist das vernetzte Auto auch die Basis, um autonomes Fahren zu ermöglichen. Noch im Stealth-Modus befindliche Elektroauto-Start-ups, die Ihre Modelle ab 2019 auf den Markt bringen, haben bereits früh die Wichtigkeit der gewaltigen Datenmengen antizipiert, die pro Sekunde ins Auto hinein und aus ihm heraus fließen. Wer beim autonomen Fahren mitspielen will, braucht ein Connected Car, das bereits 2019 wie ein mobiles Telefon mit 5G-Datenverbindung funktioniert. Da dieser auf LTE folgende Funknetzstandard auch 2019 noch nicht übergreifend verfügbar sein wird, wird dem Auto einfach ein 5G Telefonnetz simuliert, indem man LTE-Modems von drei verschiedenen Telefonanbietern im Auto verbaut und diese miteinander verbindet.

An solche Lösungen haben die Vordenker der vernetzten Autowelt schon in der Konzeptionsphase vor drei Jahren gedacht, während sich die deutschen Autohersteller noch heute rühmen, dass ihre neuen Premiummodelle statt mit EDGE, einem Datenstandard von Anfang dieses Jahrhunderts, nun mit 3G ausgestattet sind. Hut ab!

Kopiert Apple und Facebook!

Es wird voraussichtlich bis 2021 dauern, bis BMW, Daimler und Volkswagen alle nötigen Voraussetzungen für das vernetzte Auto geschaffen haben. Dann bietet der gemeinsam übernommene Kartendienst Here die Chance, als Allianz mit neuen digitalen Produkten im Auto und am Markt präsent zu sein. Ergänzend gibt es zwei Bereiche des Connected Car, wo man den Wettbewerb recht einfach kopieren kann: den Designansatz von Apple und den Kundenansatz von Facebook.

In deutschen Autos werden digitale Dienste einzeln entwickelt. Das Gesamtbild gegenüber dem Kunden wird nirgends übergreifend verantwortet. Firmen wie Apple oder Ideo haben bereits in den 1980er Jahren ähnliche Nutzerprobleme mit Design Thinking gelöst, also einem ganzheitlichen Ansatz, der vom Kundenerlebnis her gedacht wird. Aktuell ist der Endkunde im Auto mit so vielen Registrierungsprozessen, Nutzungsbrüchen, nutzlosen Informationen oder Detailabfragen wie Vehikel-Identifikationsnummern konfrontiert, dass er vor der Nutzung entnervt aufgibt und die Dienste meist gar nicht nutzen kann. Machen Sie sich einmal den Spaß und setzen sich in ein neues Auto eines deutschen Herstellers und versuchen Sie dann, einen Dienst wie E-Mail, Nachrichtenticker, Streetview oder lokale Suche im Auto zu nutzen - Sie werden es vermutlich nur mit Unterstützung einer Vertragswerkstatt, Video-Nachhilfe auf Youtube und viel Zeit schaffen. Zeit, die sich heutzutage kaum noch jemand nimmt.

Dieser mangelnde Nutzerfokus findet sich auch in der Ergonomie und Gestaltung des Cockpits im Auto wieder. Während in der alten Welt einfach für jede neue Funktion ein neuer Knopf installiert wurde, kann im aufgeräumten Zustand eine künstliche Intelligenz immer die aktuell relevanten Funktionen einblenden oder einigen wenigen Knöpfen zuordnen.

Facebook hat 2,1 Milliarden monatliche und 1,4 Milliarden tägliche Nutzer, von denen das Netzwerk Wohn- und Arbeitsort, Freizeitverhalten, Freundeskreis und viele Dinge mehr kennt. Am wichtigsten allerdings ist, dass der Endkunde auf der Plattform über verschiedene Kanäle erreicht und auf unterschiedliche Weisen angesprochen, informiert und beworben werden kann. In dieser Lage sind die deutschen Autobauer zwar noch nicht - aber sie könnten es übermorgen sein, und zwar sehr schnell.

Weltweit fahren heute circa 1,3 Milliarden Autos auf diesem Planeten herum. Nehmen wir einmal an, ein Drittel dieser Fahrzeuge wurde von BMW, Daimler und VW produziert. Wären die Besitzer all dieser Autos registrierte und digital ansprechbare Kunden, könnte man heute also etwa 400 Millionen Menschen weitere Produkte und Dienstleistungen anbieten. "Wäre, wäre Fahrradkette", würde Lothar Matthäus hier sagen, denn ein Großteil dieser Kunden scheint entweder nicht für digitale Dienste registriert, nur vom Handelspartner ansprechbar oder generell nur mit offline Daten bekannt zu sein. Oder alles gleichzeitig.

Auch wenn der Schritt vom Hardwareproduzenten zum Software basierten Dienstleister riesig ist: Hier liegt die größte Zukunftschance für die deutschen Autohersteller, und das bei vergleichsweise geringem Investitionsvolumen. Jeder einzelne Autoverkauf bietet die Möglichkeit, einen dauerhaften digitalen Zugang zu einem Kunden zu etablieren. Und mit diesen Kundenbeziehungen können zukünftig hohe Zusatzumsätze über eine Vielzahl digitaler Dienstleistungen erwirtschaftet werden. In der Venture-Capital-Welt werden solche Umsätze mit der Kundenanzahl multipliziert und auf einige Jahre hochgerechnet, so dass hier die Chance besteht, die aktuelle Marktkapitalisierung der Konzerne im zweistelligen Milliarden Euro Bereich zu erhöhen.

  • Pay to play: weniger als 1 Milliarde Euro
  • Erfolgswahrscheinlichkeit: mittel
  • Herausforderung: Autobauer müssen intern eine digitale Transformation durchlaufen und extern innovative Unternehmen zukaufen und lenken.

Alle Teile dieser Serie:
Teil 1: Mit Standgas in die Zukunft
Teil 2: Autonomes Fahren - Google auf Speed
Teil 3: So schaffen BMW, Daimler und VW den Anschluss
Teil 4: Deutschland braucht die volle Ladung

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