Sonntag, 21. Oktober 2018

Drohender Rückruf von 600.000 Daimler-Dieseln Wie sich Daimler gegen Trickserei-Vorwürfe wehrt

Mercedes-Stern auf einer Kühlerhaube
Getty Images
Mercedes-Stern auf einer Kühlerhaube

Zuerst ging es nur um eine kleine vierstellige Zahl an Rückrufen, jetzt geht es möglicherweise in den sechsstelligen Bereich: Im Diesel-Skandal steht nach dem VW-Konzern jetzt auch Daimler am Pranger. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) könnte nach einem Bericht des "Spiegel"den Stuttgarter Autobauer zum Rückruf von mehr als 600.000 Dieselfahrzeugen verdonnern.

Das KBA gehe dem Verdacht nach, dass bei diesen Modellen unzulässige Abschalteinrichtungen die Wirkung der Abgasreinigung manipulierten, berichtete "Spiegel Online" am Freitag ohne Angabe von Quellen. Prüfungen an den betreffenden Autos, unter anderem von Modellen der C-Klasse und SUVs der G-Baureihe, fänden bereits statt. Sie hätten einen vergleichbaren Motor wie der gerade zurückgerufene Transporter Mercedes Vito.

Schon beim Vito-Rückruf zeigte sich der Stuttgarter Konzern - wie schon bei früheren Vorwürfen zu Manipulationen bei der Abgasreinigung - kampfbereit. Daimler erklärt zwar, "vollumfänglich" mit dem KBA zusammenzuarbeiten und in einem "kontinuierlichen Austausch" zu stehen. Doch gegen den Vito-Rückruf des KBA will Daimler Widerspruch einlegen - und falls notwendig die strittige Rechtsauslegung auch vor Gericht klären lassen.

Die "Spiegel"-Meldung über mögliche Rückrufe, die in die Hunderttausenden gehen könnten, parierte der Konzern so: Daimler liege keine amtliche Anhörung des KBA zu den genannten Fahrzeugen vor. Diese wäre aber die Vorstufe zu einem Rückrufbescheid. Im übrigen äußere man sich zu Spekulationen des Spiegel nicht, heißt es in einem Statement, das manager-magazin.de vorliegt.

Die Spuren führen nach Frankreich

Eines erstaunt aber bei den Vito-Rückrufen: Ihre vergleichsweise geringe Zahl. Deutschlandweit ruft das KBA 1372 Vitos mit 1.6 Liter Euro-6-Dieselmotoren zurück, weltweit sind es 4930 - also insgesamt 6300. Jährlich baut Mercedes-Benz rund 110.000 seiner Vito-Transporter mit unterschiedlichen Motorisierungen - es ist also nur ein verschwindend kleiner Teil von den Rückrufen betroffen.

Die Erklärung dafür führt nach Frankreich: Denn für die betroffenen Vitos hat Daimler-Kooperationspartner Renault die Motoren geliefert - wie Konzernkreise in Deutschland und Frankreich bestätigen. In den Renault-Motoren hat das KBA unzulässige Abschalteinrichtungen festgestellt - und zwar beim Einsatz des Abgasreinigungssystems. Dadurch kann es zu erhöhten Stickoxid-Emissionen kommen, warnt die Behörde.

Daimler sieht das etwas anders: Nach Rechtsauslegung des KBA entspreche die Programmierung von zwei Motorsteuerungs-Funktionen nicht den geltenden Vorschriften, heißt es in einer Erklärung. Diese Funktionen seien Teil eines "komplexen Abgasreinigungssystems" und für das Bestehen von Emissionstests auf Prüfständen gar nicht erforderlich. Deshalb will Daimler gegen den KBA-Bescheid Widerspruch einlegen.

Und zumindest für den Transporter dürfte Renault nicht allzu viele Motoren geliefert haben: Die vom KBA nun beanstandete Vito-Variante mit 1.6-Liter-Dieselmotor und Frontantrieb sei die einzige, für die sich Daimler Aggregate aus Frankreich liefern lässt, heißt es im Konzern. In allen anderen Vito-Dieselvarianten stecken demnach von Mercedes entwickelte und gebaute Motoren.

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