Mittwoch, 20. März 2019

Gezerre um inhaftierten Carlos Ghosn Paris drängt offenbar auf Absetzung von Renault-Chef

Carlos Ghosn: Der französische Staat ist Großaktionär bei Renault und drängt jetzt offenbar doch auf seine Absetzung hinter den Kulissen

Der französische Staat drängt offenbar auf eine Absetzung des in Japan inhaftierten Carlos Ghosn. Formal ist Ghosn noch Vorstandschef bei Renault. Der Autobauer hat im Gegensatz zum japanischen Partner nichts an der Bezahlung des Managers auszusetzen. Im Verwaltungsrat von Renault jedoch wächst die Ungeduld mit der Personalie. Vor allem eine prominente Frau drängt auf eine Entscheidung.

Die französische Regierung will nach Informationen von Insidern Renault-Chef Carlos Ghosn (64) an der Spitze des Autobauers ersetzen. Es würden bereits Kandidaten für den Posten unter die Lupe genommen, berichtet der englischsprachige Dienst von Reuters unter Berufung auf Kreise

Die Regierung stelle eine Liste mit möglichen Nachfolgern für Ghosn zusammen, der in Japan in Untersuchungshaft sitzt. Die Staatsanwaltschaft in Tokio wirft dem Gründer und langjährigen Chef der Unternehmensallianz von Renault, Nissan und Mitsubishi vor, die Höhe seiner Bezahlung von Nissan jahrelang verschleiert zu haben.

Der französische Staat ist mit 15 Prozent an Renault beteiligt und hat zwei Aufsichtsratsmandate inne - schon von daher dürfte die französische Regierung in der Nachfolgeplanung eine wichtige Rolle spielen.

Verwaltungsrat beanstandet Ghosn-Bezahlung nicht

Dabei habe der Verwaltungsrat von Renault zuvor auf seiner Sitzung am Donnerstag entschieden, dass Ghosn formal Vorstandschef bleibt und an der Firmenspitze weiterhin vertreten wird. Die Bezahlung des Automanagers als Vorstandschef des französischen Autobauers sei laut einer internen Untersuchung rechtskonform. Das habe eine Überprüfung für den Zeitraum 2015 bis 2018 ergeben.

Der Verwaltungsrat habe sich im Zuge seiner Sitzung am Donnerstag über die Ermittlungsergebnisse des Allianzpartners Nissan informieren lassen, berichtete Reuters weiter unter Berufung auf die Insider. Nissan hatte Ghosn drei Tage nach seiner Inhaftierung als Vorstandschef abgesetzt. Renault widersetzte sich jedoch dem Druck, ihn zu entlassen, da der Skandal das Bündnis der Automobilhersteller belaste.

Cherie Blair (Bild Archiv): Die Frau des ehemaligen britischen Premiers Tony Blair soll im Verwaltungsrat jetzt offenbar ebenso wie Vertreter des französischen Staates auf eine Absetzung von Carlos Ghosn drängen. Formal ist er noch Vorstandschef des Autobauers

Einige Mitglieder des Verwaltungsrats jedoch hätten während des Treffens ihre Ungeduld mit der Personalie zum Ausdruck gebracht, verlautete aus den Kreisen. So unter anderen auch Cherie Blair, Ehefrau des ehemaligen britischen Premierministers Tony Blair. Blairs Intervention hätten zwei weitere Mitglieder des Rats geteilt, berichtet der englischsprachige Dienst von Reuters weiter. Zu den möglichen Anwärtern auf den Posten soll auch Toyota-Manager Didier Leroy gehören.

Der kommissarische Vorsitzende des Verwaltungsrats, Philippe Lagayette, erklärte am Freitagnachmittag dagegen: Eine mögliche Nachfolge Ghosns sei nicht Thema der Sitzung gewesen. Gerüchte über Differenzen in dem Gremium weise er zurück.

Renault besitzt 43,4 Prozent von Nissan, dessen 15-Prozent-Beteiligung an seiner französischen Muttergesellschaft ohne Stimmrecht ist. Nissan wiederum kontrolliert Mitsubishi mit 34 Prozent.



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Ein Gericht in Tokio hatte erst vor wenigen Tagen die Verlängerung der Untersuchungshaft von Ghosn bis zum 20. Dezember mit neuen Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft begründet. Demnach soll Ghosns Einkommen auch für die Jahre 2016 bis 2018 in den vorgeschriebenen Offenlegungsberichten um 4,2 Milliarden Yen (33 Millionen Euro) zu niedrig angegeben worden sein. Die Haftverlängerung erfolgte einen Tag, nachdem die Staatsanwaltschaft Klage gegen Ghosn, seine frühere rechte Hand Greg Kelly sowie gegen Nissan selbst erhoben hatte. Ghosn selbst hat Klage gegen die Verlängerung seiner Untersuchungshaft eingereicht.

Ghosn soll Medienberichten zufolge zwar gegenüber der Staatsanwaltschaft eingeräumt haben, dass seine Einkommensansprüche nicht vollständig angegeben worden seien. Das sei aber auch nicht nötig gewesen, da es sich um Gehaltszahlungen gehandelt habe, die erst nach seinem Ausscheiden bei Nissan hätten gezahlt werden sollen. Und das sei noch nicht festgezurrt gewesen.

rei mit Reuters

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