Montag, 22. Januar 2018

Fraunhofer-Präsident nennt Hürden für Roboterauto-Verbreitung "Durchbruch für automatisiertes Fahren ab dem Jahr 2030"

Audi-Testwagen für automatisiertes Fahren: Ohne ein Server-Netz entlang von Autobahnen wird das kaum gehen, warnt Wissenschaftler Neugebauer

manager-magazin.de: Herr Neugebauer, ob Mercedes, BMW, Audi, Tesla, auch VW, Renault-Nissan oder Toyota: Fast jeder Autohersteller erklärt, dass seine Fahrzeuge in vier bis fünf Jahren auf Knopfdruck selbst fahren können. Nehmen die Autohersteller den Mund nicht etwas voll?

Dr. Reimund Neugebauer
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    Reimund Neugebauer, 63, ist Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft und damit Deutschlands wichtigster Wissenschaftler für angewandte Forschung. Der ausgebildete Maschinenbauer gilt als Spezialist für ressourceneffiziente Fertigungsprozesse und maschinelles Lernen.

Reimund Neugebauer: Das Realistische würde ich diesen Prognosen nicht absprechen. Derzeit laufen mit unseren Fraunhofer-Instituten mehrere Projekte mit Autoherstellern und Zulieferern. Bei den Schlüsselkomponenten sind wir gut gerüstet, auch wenn es noch offene Fragen beim Zusammenspiel dieser Komponenten gibt. Wir gehen davon aus, dass deutsche Autohersteller in drei bis vier Jahren mit marktreifen Produkten aufwarten können, wenn es denn diesen Markt rechtlich gibt.

mm.de: Die rechtlichen Rahmenbedingungen für autonomes Fahren sind also der Engpass?

Neugebauer: Es gibt noch offene technische Fragen. Doch wir gehen davon aus, dass die Klärung der rechtlichen Seite mehr Zeit in Anspruch nehmen wird als die Lösung der technischen Probleme. Niemand wird sich ein Auto mit Selbstfahr-Funktionen kaufen, das nicht auch im Nachbarland funktioniert. Da genügt eben deutsches Recht nicht, das muss international gültig sein. Dazu gibt es noch eine Reihe von Einzelthemen, wie etwa Haftungsfragen, Zulassungsbestimmungen oder auch die dahinter steckenden Geschäftsmodelle. Damit automatisiertes Fahren möglich ist, müssen viele personenbezogene Daten ausgetauscht werden. Das ist ein ordentlicher Brocken, der da zu lösen ist.

mm.de: Wenn selbstfahrende Autos 2020 auf den Markt kommen, werden sie nur in eng bestimten Bedingungen autonom fahren können, Fahrer müssen Kollegen Computer dann wohl noch permanent überwachen. Die selbstfahrende vierrädrige Lounge mit bequemen Sesseln und Riesenbildschirmen im Innenraum, wie weit ist die noch entfernt?

Neugebauer: Eine Grundsatzfrage wird bei solchen Diskussionen zu wenig berücksichtigt. Heute treiben die Automobilhersteller das automatisierte Fahren so voran, dass sie von bereits bestehenden Fahrzeugen ausgehen. Sie gehen vom Grundkonzept des bisherigen Autos und des Individualverkehrs aus. Dafür versuchen sie, als neue Anwendung das vollautomatisierte Fahren zu finden.


Hinweis: Am 13. Februar 2017 hält Reimund Neugebauer in München vor manager lounge-Mitgliedern einen Vortrag über kognitive Systeme. Er wird dabei auch erläutern, wie Fortschritte bei maschinellem Lernen die Entwicklung autonom fahrender Autos vorantreiben. Mehr über die Veranstaltung erfahren Sie hier.


mm.de: Was ist daran falsch?

Neugebauer: Wir sind davon überzeugt, dass wir unterschiedliche Mobilitätskonzepte unterscheiden müssen und dafür bestimmte Spezifiken entwickeln. Automatisiertes Fahren wird auf Autobahnen ganz anders aussehen als im innerstädtischen Verkehr. Auf Autobahnen könnte automatisiertes Fahren etwa besonders auf Carsharing ausgerichtet sein, um weite Strecken mit mehreren Personen zurückzulegen. Soll man dafür Fahrgastzellen wie im Auto oder doch lieber ähnlich jenen in Zügen bauen, wo jeder dann sein First-Class-Abteil hat? Für den Verkehr innerhalb eines Werksgeländes sehen die Konzepte wiederum völlig anders aus. Wir müssen unterscheiden, ob wir autonom Güter oder Personen transportieren wollen.

Newsletter von Wilfried Eckl-Dorna

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