Freitag, 22. März 2019

McKinsey-Studie als Denkanstoß So kann Europas Autoindustrie ihre Führungsrolle retten

Carsharing-Auto von Volkswagen: Die etablierten Autohersteller tasten sich erst an neue Geschäftsmodelle heran

Die Unternehmensberatung McKinsey sieht die weltweite Führungsposition der europäischen Autobauer in Gefahr: Durch neue Wettbewerber, neue Geschäftsmodelle und die auch in der Autobranche zunehmende Bedeutung von Software. In einer neuen Studie schlagen die Berater deshalb fünf Initiativen vor, mit denen die Branche ihre Führungsrolle langfristig sichern könne.

Noch tragen Autobauer und Zulieferer kräftig zu Europas Wohlstand bei: Die Autobranche steht für 7 Prozent des europaweiten BIPs, trägt 410 Milliarden Euro zu den EU-Steuereinnahmen bei und beschäftigt insgesamt 13 Millionen Menschen. Doch das könne sich künftig drastisch ändern, warnt McKinsey in der Studie "Race 2050 - A Vision for the European Automotive Industry".

Europas Autobranche müsse beispielsweise mit neuen Geschäftsmodellen zurechtkommen, die durch Carsharing oder Robotertaxis entstehen, so McKinsey in der Studie. Datenbasierte Dienste dürften 2030 bereits für ein Viertel der Industrieumsätze sorgen, aktuell sind es erst 0,2 Prozent. Kapitalstarke Tech-Konzerne aus den USA machen sich auf dem Gebiet bereits breit. Aus China drängen zudem neue, staatlich unterstützte Konkurrenten auf den Weltmarkt - besonders im Bereich Elektromobilität.

Europa habe aber eine spezifische Stärke, meinen die Berater: Die Vielfalt bei Mobilitätsformen und Antriebstechnologien, die den Kontinent zum Brutkasten für die künftige Mobilität machen könnte. Damit die Autobranche die Vorteile nutzen und ihre Führungsrolle weiter einnehmen kann, schlagen die Berater fünf europaweite Initiativen für die kommenden Jahrzehnte vor:

1. Schaffung eines europäischen "Silicon Valley" mithilfe eines Fonds

Europa habe bereits zahlreiche Universitäten, die bei der Erforschung von Elektromobilität oder datengestützten Diensten weit vorne liegen - und Autohersteller, die jährlich 50 Milliarden Euro in die Forschung und Entwicklung stecken. Ihre Anstrengungen sollten beide Seiten in einem "Mobilitätsfonds" bündeln, der aus privatem und öffentlichem Kapital gespeist wird. Damit ließe sich nach Meinung von McKinsey ein Netzwerk aus Spitzenforschung, Unternehmen und Start-up-Kapitalgebern aufbauen, wie es Kalifornien im "Silicon Valley" gelungen sei.

2. Stärkere Zusammenarbeit zur Erreichung der CO2-Ziele

Die EU hat sich das Ziel gesetzt, den gesamten Personen- und Güterverkehr im Jahr 2050 CO2-neutral zu machen. Damit das gelingt, muss Europas Autoindustrie sich nicht nur die erforderlichen Rohstoffe für alternative Antriebe sichern. Auch die Energiebranche, Kommunen und Städte sind gefordert. Damit Autofahrer stärker auf elektrifizierte Fahrzeuge umsteigen und die CO2-Flottenziele bis 2030 erreicht werden, müssen 3,6 Millionen öffentliche Ladestationen neu errichtet werden - heute sind es erst knapp 100.000. Dazu muss auch mehr Strom aus regenerativen Energiequellen fließen: Die Berater sprechen von bis zu 45.000 GWh pro Jahr, das entspricht der Leistung von 4200 Windrädern in der Nordsee.

3. Autobranche muss neue Formen der Kooperation finden

Ein Wandel dieses Ausmaßes sei für keinen Autohersteller alleine zu stemmen, meint McKinsey. Die Autohersteller müssen deshalb neue Formen der Kooperation finden und nicht jeder für sich etwa am autonomen Fahren arbeiten. McKinsey schlägt deshalb die Schaffung eines gemeinsamen Daten- und Softwarepools vor, aus dem sich alle Autohersteller und Zulieferer bedienen und so ihre eigenen Techniklösungen entwickeln können. Denkbar sei auch der Aufbau einer gemeinsamen, europäischen "Teststadt", in der Europas Hersteller und Zulieferer ihre autonomen Fahrfunktionen ausprobieren können.

4. Regulatorisches Forum auf EU-Ebene sinnvoll

In der sich abzeichnenden neuen Mobilitätswelt sind noch eine Reihe rechtlicher Fragen ungeklärt, beschreibt McKinsey den Status quo. So werde es neue Regulierungen geben für Roboterautos und vernetzte Autos, für den Datenschutz, aber auch für Fahrzeugsicherheit, Emissionen und Recycling. Diese werden nicht nur die Autobranche, sondern auch Telekomunternehmen, Versicherer und Energieversorger betreffen. Um dies in den Griff zu bekommen, plädieren die Unternehmensberater für ein gemeinsames Forum zwischen allen Beteiligten - und einen einheitlichen Ansprechpartner auf EU-Seite, etwa einen EU-Kommissar für Mobilität. Der könne den notwendigen Dialog initiieren, meint McKinsey

5. Städte und Kommunen sollten Mobilitäts-Standards definieren

Zwar haben Europas Städte recht unterschiedliche Anforderungen an künftige Mobilitätsdienste. Dennoch sollten sie gemeinsame Standards für Mobilitätslösungen entwickeln, rät McKinsey. Damit ließen sich einmal entwickelte Lösungen schneller in ähnliche Städtetypen und Kreise europaweit einführen. Den Ball sieht McKinsey dabei aber auf kommunaler Seite: Den Standardisierungsprozess sollten Städte gemeinsam mit der Industrieseite vorantreiben.

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