Donnerstag, 24. Mai 2018

BMW, Toyota, VW Brexit verliert für Autoindustrie an Schrecken

James Bond BMW Z8: Auch BMW produziert in Großbritannien - es ist der wichtigste europäische Auslandsmarkt für die deutschen Autobauer

Der Austritt Großbritanniens aus der EU schwebt nicht mehr wie ein Damoklesschwert über der Automobilindustrie. Der harte Schnitt ist erstmal vertagt, und vielleicht fällt er nach der bis Ende 2020 vereinbarten Übergangszeit gar nicht so hart aus wie anfangs befürchtet. Szenarien, die den Verlust Zehntausender Arbeitsplätze und rapide sinkende Pkw-Verkäufe vorhersagen, sind jedenfalls unwahrscheinlicher geworden.

Doch die Unsicherheit über die Zeit danach bleibt. Viel hängt davon ab, wie die Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der Staatengemeinschaft langfristig gestaltet werden. Klar ist, dass eine Trennung für die Unternehmen mit Kosten verbunden sein wird - sowohl in Großbritannien als auch im übrigen Europa.

Das Worst-Case-Szenario

"Deutsche Hersteller mit einer Fabrik in Großbritannien etwa wären bei einem harten Austritt doppelt gekniffen", schätzt Axel Schmidt, Autoexperte bei der Beratungsfirma Accenture. "Erstens, weil sie Exportprobleme in die EU haben würden. Zweitens, weil sich der Import von Teilen verteuern dürfte - auch durch den Verfall des britischen Pfunds."

Sollte Großbritannien nach der Übergangszeit aus der Zollunion ausscheiden und bis dahin kein neues Abkommen vereinbart worden sein, würden im Handel mit Großbritannien die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) gelten. Diese sehen für Autos Zölle von rund zehn Prozent und für Fahrzeugteile von 4,5 Prozent vor.

Schmidt schätzt, dass die Preise in Großbritannien dann um zehn bis 15 Prozent steigen würden. Andere halten auch mehr für möglich - mit entsprechenden Folgen für den Konsum und die Investitionsbereitschaft auf der britischen Insel. Die Experten gehen davon aus, dass sich die Verbraucher mit größeren Anschaffungen wie der eines Autos weiter zurückhalten.

Neuzulassungen in Großbritannien schrumpften um 5,7 Prozent

Im Jahr 2017 schrumpften die Neuzulassungen auf dem zweitgrößten Pkw-Markt der EU bereits um 5,7 Prozent auf 2,5 Millionen Fahrzeuge. Davon war jeder dritte Wagen ein Export aus Deutschland. Insgesamt wurden dem Branchenverband VDA zufolge im vergangenen Jahr rund 769.000 (Vorjahr: 799.000) Pkw "Made in Germany" nach Großbritannien verschifft. Das Land ist der wichtigste europäische Auslandsmarkt für den Produktionsstandort Deutschland.

Die Wirtschaftsprüfung Deloitte schätzt, dass der Pkw-Absatz in Großbritannien bei einem harten Brexit im Jahr des Austritts um 550.000 Fahrzeuge einbrechen würde. Dadurch gerieten in der deutschen Automobilindstrie etwa 18.000 Arbeitsplätze in Gefahr. Besonders betroffen wären Zulieferer, die mit den Herstellern geschäftlich eng verflochten sind. Wie sich dies nach der Übergangszeit entwickelt, bleibt abzuwarten.

Hinzu kommen noch offene rechtliche und regulatorische Fragen. Ein großes Problem etwa ist nach Meinung des europäischen Herstellerverbands ACEA, ob Autos, die von den britischen Behörden zugelassen sind, nach dem Brexit weiterhin in der EU verkauft werden können und umgekehrt. Der Verband empfiehlt, dass die EU und das Vereinigte Königreich Fahrzeugzulassungen gegenseitig anerkennen.

Da Zubehör und Vorprodukte 'just in time' an die Produktionsbänder in den Fabriken geliefert werden, könnten Zollkontrollen an den Grenzübergängen die Zeitpläne vieler Firmen durcheinanderbringen. Die Folge wären höhere Kosten und eine womöglich stockende Produktion. Im schlimmsten Fall könnte es zu Unterbrechungen bei der Herstellung kommen.

Der schwierigste Teil der Verhandlungen beginnt erst jetzt

Dass es so weit kommt, gilt als unwahrscheinlich, zumal man sich nun Zeit für weitere Verhandlungen nimmt. In der Übergangszeit bleibt auf beiden Seiten des Ärmelkanals erst einmal alles beim Alten. Großbritannien werde sich an EU-Regeln halten müssen, behalte dafür aber den Zugang zum EU-Binnenmarkt und zur Zollunion, sagt EU-Chefunterhändler Michel Barnier. Doch nun geht der schwierigste Teil der Brexit-Verhandlungen los. Dabei wird es um die künftigen Beziehungen zwischen beiden Seiten und einen Handelsvertrag gehen.

Sollte es dennoch zu einer harten Trennung kommen, würden nach Meinung von Autoprofessor Stefan Bratzel vor allem Hersteller mit hoher Produktionskapazität in Großbritannien in Mitleidenschaft gezogen. Unter den globalen Automobilkonzernen wären der japanische Renault-Partner Nissan und der britisch-indische Rivale Jaguar Land Rover am stärksten betroffen.

Auch BMW Börsen-Chart zeigen , Toyota Börsen-Chart zeigen und die zu Peugeot Börsen-Chart zeigen gehörenden Marken Opel und Vauxhall bauen Autos in Großbritannien. Ford produziert dort Motoren. "Den stärksten Negativeffekt wird es jedoch für die britische Automobilindustrie und deren Arbeitsplätze selbst geben, da der Standort außerhalb der EU unattraktiver wird", meint Bratzel. Er rechnet damit, dass Hersteller und Lieferanten in den nächsten Jahren Standorte aus Großbritannien in die EU verlagern.

von Jan Schwartz, Reuters

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