Montag, 24. September 2018

Nach Festnahme Aufsichtsrat beurlaubt Audi-Chef, Schot als Ersatz

Audi-Chef Rupert Stadler: Der Manager sitzt wegen des Verdachts auf Betrug und Verdunklungsgefahr in Untersuchungshaft. Er will von den Manipulationen der Audi-Motoren, die auch in vielen Volkswagen- und Porsche-Modellen verbaut wurden, angeblich lange nichts gewusst haben

Audi-Vertriebsvorstand Bram Schot übernimmt bei dem Autobauer vorläufig den Chefposten. Der seit Montag inhaftierte Vorstandschef Rupert Stadler wird vom Aufsichtsrat beurlaubt, teilte der Autobauer am Dienstag mit. Stadler wird in der Dieselaffäre Betrug vorgeworfen. Der abgelöste Audi-Chef erklärte, er wolle gegenüber der Staatsanwaltschaft aussagen.

Audi-Chef Rupert Stadler wird beurlaubt, Vertriebsvorstand Bram Schot wird Übergangschef: Der Audi-Aufsichtsrat und der Aufsichtsrat des VW-Konzerns entschieden haben sich am Dienstagmittag für diese Interimslösung entschieden.

Schot "übernimmt mit sofortiger Wirkung kommissarisch den Vorstandsvorsitz von Audi", teilte der Autobauer mit. Stadler habe den Aufsichtsrat gebeten, von seinen Aufgaben als Audi-Chef und Volkswagen-Vorstandsmitglied vorübergehend entbunden zu werden. Die Aufsichtsräte von Volkswagen und Audi hätten der Bitte entsprochen. "Die Entbindung wird vorübergehend vorgenommen, bis der Sachverhalt geklärt ist, der zu seiner Verhaftung geführt hat", teilte Audi mit.

Bram Schot gehört dem Audi-Vorstand erst seit September an. Der 56-jährige Holländer ist dort bislang für den Vetrieb zuständig. Begonnen hatte er seine Karriere bei Mercedes-Benz, ab 2012 war er dann Vertriebschef bei VW-Nutzfahrzeuge gewesen.

Als Interimschef war auch der Audi-Finanzvorstand Alexander Seitz im Gespräch gewesen, der ebenfalls erst seit September in Ingolstadt ist. Der Aufsichtsrat des VW-Konzerns hatte am Montag bis in die Nacht darüber beraten, wie es nach Stadlers Verhaftung weitergehen soll.

Stadler gehört als Audi-Vorstandschef auch dem VW-Konzernvorstand an. Er sitzt seit Montag in Augsburg in Untersuchungshaft und kann seine Aufgaben zumindest vorerst nicht mehr erfüllen. Die Staatsanwaltschaft München wirft ihm im Zusammenhang mit dem Dieselskandal Betrug und geplante Beeinflussung von Zeugen oder Mitbeschuldigten vor.

Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt im Dieselskandaal nicht nur gegen Stadler, sondern auch gegen einen weiteren, namentlich nicht genannten Audi-Vorstand. In München sitzt außerdem ein ehemaliger Porsche-Entwicklungsvorstand in Untersuchungshaft, der früher Motorenentwickler bei Audi war.

Nach seiner Verhaftung zeigt sich Audi-Chef Rupert Stadler offenbar gesprächsbereit. Stadler werde in dieser Woche gegenüber der Staatsanwaltschaft München II aussagen, bestätigte eine Sprecher der Behörde gegenüber dem "Handelsblatt". Zu dem Termin werde Stadler seinen Anwalt mitbringen.

Stadler wegen Verdunkelungsgefahr in U-Haft

Stadler, der die Marke mit den vier Ringen seit 2007 lenkt, wird auch intern eine schleppende Aufarbeitung des Skandals vorgehalten, obwohl Audi als Keimzelle für den Abgasbetrug gilt, von dem auch VW betroffen ist. Stadler hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Am Montag hatte die Staatsanwaltschaft München die Festnahme von Audi-Chef Rupert Stadler bekannt gegeben und eine Richterin nach einem Haftprüfungstermin wegen "Verdunklungsgefahr" Untersuchungshaft angeordnet. Diesen Haftgrund führt die Justiz an, wenn sie befürchtet, dass Beweismittel vernichtet werden könnten oder jemand versucht, auf Zeugen einzuwirken.

Bei der Haftrichterin machte Stadler laut Staatsanwaltschaft keine Angaben zur Sache. Stadlers Anwalt hatte eine Stellungnahme abgelehnt. Laut Staatsanwaltschaft hat die Verteidigung bisher noch keine Erklärungen abgegeben.

Audi-Vertriebsvorstand Bram Schot (links) wird den inhaftierten Rupert Stadler an der Audi-Spitze vorübergehend ersetzen, teilte die Aufsichtsräte von Volkswagen und Audi am Dienstag mit
imago/Sven Simon
Audi-Vertriebsvorstand Bram Schot (links) wird den inhaftierten Rupert Stadler an der Audi-Spitze vorübergehend ersetzen, teilte die Aufsichtsräte von Volkswagen und Audi am Dienstag mit

Die Nachricht war unmittelbar vor einer regulären Aufsichtsratssitzung von Volkswagen geplatzt. Die Staatsanwaltschaft München hatte erst vergangene Woche überraschend Stadlers Privatwohnung durchsucht und dies mit Betrugsverdacht in der Dieselaffäre begründet. Auch die Wohnung eines anderen amtierenden Audi-Managers war durchsucht worden. Die Zahl der Beschuldigten stieg damit auf 20.

Stadler soll weiter manipulierte Autos verkauft haben

Für Volkswagen-Chef Herbert Diess werden die Ermittlungen gegen Stadler zusehends zu einem Problem. Denn er setzt bisher beim Umbau des Wolfsburger Mehr-Markenkonzerns auf den Audi-Chef. Stadler leitet die wichtige Premiumgruppe der Wolfsburger mit der Marke Audi an der Spitze.

Stadler soll nach der Aufdeckung der Manipulationen in den USA von den falschen Abgaswerten auch in Europa gewusst, aber anders als in den USA keinen Vertriebsstopp angeordnet haben. Die Ermittler stützten sich auf die Auswertung von Korrespondenz, verlautete aus Ermittlerkreisen. Im März 2017 und im Februar 2018 hatte es in der Audi-Zentrale in Ingolstadt und im Werk Neckarsulm Razzien gegeben.


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Audi soll in den USA und Europa von 2009 an rund 220.000 Dieselautos mit Schummelsoftware verkauft haben. Seit Ende 2015 hatten sechs Audi-Vorstände ihren Hut nehmen müssen. Stadler leitet Audi seit dem Jahr 2007 und steht seit Bekanntwerden des Abgasskandals vor mehr als zweieinhalb Jahren massiv unter Druck. Gegen den Manager waren immer wieder Rücktrittforderungen laut geworden. Einen Rücktritt lehnte der langjährige Audi-Manager in der Vergangenheit ab. Bisher hatten die Familien Porsche und Piech Stadler trotz aller Kritik im Amt gehalten.

Schots Weg führte über ABN Amro und Daimler zu Volkswagen

Bram Schot, der Stadler nun womöglich ersetzen könnte, wurde am 12. Juli 1961 in Rotterdam geboren. Er studierte an der Universität Bradford in England Betriebswirtschaft. 1986 begann er seine Karriere als Management-Trainee in der ABN-Amro-Bank, wechselte ein Jahr später zu Mercedes-Benz in den Niederlanden und war dort für den Vertrieb von Nutzfahrzeugen zuständig. Er wurde Landeschef von DaimlerChrysler in den Niederlanden, dann in Italien. 2011 wechselte Schot zum VW-Konzern. Ab 2012 war er Vertriebschef der Volkswagen-Nutzfahrzeuge. Seit September 2017 ist der Manager bei Audi Vorstand für Vertrieb und Marketing.

rei mit Nachrichtenagenturen

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