Montag, 19. November 2018

Drei Jahre Dieselskandal So schafft Audi den Weg aus der Krise

Mehr als drei Jahre nach Bekanntwerden des größten Skandals in der deutschen Automobilgeschichte versucht der Autobauer Audi sein Kapitel im Abgasskandal zu beenden. Die Volkswagen-Tochter akzeptiert ein Bußgeld der Staatsanwaltschaft München II in Höhe von 800 Millionen Euro. Damit ist das eingeleitete Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen den Konzern abgeschlossen. Das Ermittlungsverfahren gegen 20 Beschuldigte, unter ihnen der frühere Audi-Chef Rupert Stadler, läuft allerdings weiter.

Audi bekennt sich damit indirekt schuldig. Das Unternehmen hatte erheblichen Anteil an der Manipulation der Abgaswerte von Dieselfahrzeugen. Eigenes Fehlverhalten wurde vertuscht, lange nicht eingestanden und eine ordentliche Aufklärung im Sinne der Öffentlichkeit sowie der Mitarbeiter behindert.

Audi hat seinen Anspruch auf "Vorsprung durch Technik" verspielt. Nach der Trennung von Vorstandschef Rupert Stadler hat dessen Nachfolger die Chance auf einen Neustart - vorausgesetzt, er packt es richtig an. Acht schwierige Aufgaben gilt es zu lösen.

1. Klarheit und Transparenz schaffen

Audis Kompetenz, insbesondere im Bereich Diesel, ist sowohl innerhalb der VW-Gruppe als auch außerhalb verspielt. Wöchentliche Negativschlagzeilen holen die Verantwortlichen laufend ein. Als jüngstes Beispiel ist die Betrugsaffäre in Korea zu nennen, wo Audi-Manager Testprotokolle frisierten und sogar falsche Fahrgestellnummern übermittelten.

Ein Kulturwandel im Management muss dringend erfolgen und das Unrechtsbewusstsein zwingend geschärft werden. Zudem sollten Compliance-Vorstände und innerbetriebliche Kontrollgremien auf den Prüfstand gestellt werden. Wer in Betrugsvorgänge verstrickt ist, sollte den Konzern umgehend verlassen und entsprechend bestraft werden. Eine vollumfängliche Zusammenarbeit mit den Behörden ist anzuraten.

2. Den Vorstand befrieden

Audi-Vorstände gaben sich in den vergangenen zwei Jahren die Klinke in die Hand. Allein im Entwicklungsressort gab es fünf Wechsel innerhalb von sechs Jahren. Mit Hans-Joachim Rothenspieler als neuem Technik-Vorstand hat Audi erneut einen VW-Manager installiert. Wie soll auf diese Weise der Anspruch, "Vorsprung durch Technik" zu produzieren, nachhaltig gesichert, geschweige denn weiterentwickelt werden?

Auf der obersten Führungsebene müssen externe, unbelastete Kandidaten die Aufgaben übernehmen. Zwar kennen VW-Manager die Strukturen innerhalb des Konzerns, sie werden jedoch immer wieder von der Dieselaffäre eingeholt werden.

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    Stefan Randak ist Direktor und Leiter der Praxisgruppe Automotive beim Interim-Management-Anbieter Atreus in München.

3. Glaubwürdigkeit und Vertrauen wiederherstellen

Durch Transparenz und glaubhafte Informationspolitik muss das Vertrauen beim Kunden wieder zurückgewonnen werden. Leider ist dies bis heute noch nicht sichtbar. Jüngstes Beispiel: Die Rückrufaktion der Modelle A6 und A7 im Sommer. Im Rahmen einer internen Aufklärung wurden Auffälligkeiten in der Steuerungssoftware bei bestimmten V6-Dieselmotoren festgestellt. Kunden, die diese Fahrzeuge gekauft haben, sind bis heute im Ungewissen, was dies für sie konkret bedeutet.

In einem ersten Schritt sollte daher schnellstens eine verbesserte Informationspolitik anhand der neuen Unternehmensziele definiert werden, damit klar kommuniziert wird, selbst wenn weitere Fehler auftauchen. Neue Produkte wie der A1 und der e-tron können ebenfalls dazu beitragen, das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen.

4. Die Belegschaft hinter sich bringen

Vertrauen der Mitarbeiter zurückgewinnen

Auch die Mitarbeiter des Unternehmens sind zutiefst verunsichert, ihr Vertrauen gilt es zurück zu erobern. Dass wie so oft auch dieses Mal die Arbeitnehmer für Fehler des Managements büßen müssen, damit hat man sich wohl oder übel abgefunden. Weil viele Modelle jedoch nicht schnell genug nach dem neuen WLTP-Abgastestzyklus zertifiziert wurden und daher momentan nicht verkauft werden dürfen, droht wegen schlechter Auslastung nun sogar die Streichung ganzer Schichten - ohne dass zuvor Rücksprache mit dem Betriebsrat gehalten worden wäre. Belegschaftsnähe sieht anders aus. Ein Fakt, den auch Ex-Audi-Chef Rupert Stadler mit zu verantworten hat, der als wenig belegschaftsnah galt.

Ein neues, bodenständiges und arbeitsames Management muss installiert werden. Erste gemeinsame Erfolge, gepaart mit einer offenen und transparenten Informationspolitik können das Vertrauen wieder herstellen.

5. Technischer Turnaround

Seine technische Vorreiterrolle in der Automobilindustrie hat Audi schon länger verloren. In den vergangenen zwei Jahren war man in Ingolstadt in erster Linie mit sich selbst und den immer wieder kehrenden Wellen der Dieselaffäre beschäftigt. Der notwendige technische Turnaround wurde dabei sträflich vernachlässigt. Hier gibt es noch viel zu tun.

Der neue WLTP-Prüfzyklus muss im Konzern und bei allen Produkten nachhaltig verankert werden. Weite Teile der Produktion sind auf Elektromobilität umzustellen, neue Fertigungsmethoden müssen ausgerollt werden. Und auch der digitale Wandel muss vom Vorstand bis zum Montageband mit aller Hartnäckigkeit gestaltet werden.

6. Vertriebsprobleme beheben

Den Anschluss an die Wettbewerber nicht verlieren

Der neue Abgastest WLTP bremst Audi auch im Vertrieb aus. Die Verkaufszahlen lassen zu wünschen übrig. Hinzu kommt, dass das Chinageschäft Ende 2017 ebenfalls eingebrochen ist und lediglich durch Zulassungstricks geschönt wurde. Zuletzt schwächelte auch die neue Generation des A4. Und die Modelle A6, A7 und A8 haben immer wieder mit Kinderkrankheiten zu kämpfen und hinken der Konkurrenz deutlich hinterher.

Die Produktpalette muss zwingend wieder leistungsfähiger daherkommen, damit man den Anschluss an die Wettbewerber nicht verliert. Besonders China als wichtigster Absatzmarkt für deutsche Autobauer gilt es, mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Denn der dortige Markt wird in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen.

7. Premiumstatus verteidigen

Der Weg zu alter Stärke wird kein einfacher. Nach dem steilen Aufstieg zur Premiummarke Nummer eins rangiert der Konzern heute wieder abgeschlagen an dritter Stelle, hinter Daimler und BMW. Ein weiteres Abrutschen steht unmittelbar bevor, wenn die vielen Baustellen weiterhin unbearbeitet bleiben.

Innerhalb des VW-Konzerns holt Porsche als Kompetenzträger deutlich auf und auch die tschechische Schwestermarke Skoda weiß zunehmend mit hervorragenden Produkten und deutlichem Volumenzuwachs auf sich aufmerksam zu machen. Diesen externen und internen Wettbewerbern gilt es, mit neuen und innovativen Produkten entgegenzutreten. Die Marke Audi muss wieder zeigen, dass sie nichts von ihren einstigen Erfolgsgenen verloren hat. Ein Hoffnungsschimmer ist der neue Audi e-tron, der diese Gene wieder zu haben scheint.


Stefan Randak ist Direktor und Leiter der Praxisgruppe Automotive beim Interim-Management-Anbieter Atreus in München und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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