Freitag, 25. Mai 2018

Beliebtes Dienstwagenmodell manipuliert Neuer Betrugsverdacht bei Audi - Produktion gestoppt

Audi A6 in der siebten Generation: Verdacht auf Betrugssoftware bei der Adblue-Dosierung

Im Dieselskandal gerät die VW-Tochter Audi immer mehr in den Fokus: Eine bislang noch unbekannte Betrugssoftware soll nach SPIEGEL-Informationen im A6 verbaut worden sein. Ein amtlicher Rückruf droht.

Der neue VW-Chef Herbert Diess sprach auf der Hauptversammlung vergangene Woche davon, dass sein Konzern "ehrlicher" und "anständiger" werden müsse. Wie wichtig und aktuell diese Ermahnung an seine Untergebenen ist, scheint sich bei der Konzerntochter Audi zu bewahrheiten.

Ausgerechnet bei dem als Dienstwagen ausgesprochen beliebten Modell A6, und zwar in der noch aktuellen Baureihe C7, die erst im Sommer durch ein Nachfolgemodell abgelöst werden wird, soll manipuliert worden sein.

Dort soll neben einer bereits bekannten illegalen Abschalteinrichtung eine weitere Betrugssoftware verbaut sein, die das Abgassystem manipuliert. Diesen Hinweisen geht nach Informationen des SPIEGEL die Bundesregierung und das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) nach. "Das KBA hat eine amtliche Anhörung wegen des Verdachts einer unzulässigen Abschalteinrichtung bei Audi V6TDI-Fahrzeugen der Modelle A6/A7 eingeleitet", bestätigte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums.

Für Audi und seine Mutter VW wäre das ein äußerst unangenehmes Eingeständnis und könnte der gesamten Branche weiter schaden: Mit einem groß angelegten Umtauschprogramm lockt die Industrie derzeit Kunden, alte Diesel gegen neue einzutauschen, eben wie jenen Audi A6 mit der noch aktuellen Abgasnorm Euro 6. Damit wollen die Konzerne den Diesel aus den negativen Diskussionen um Fahrverbote herausbekommen. Doch daraus wird erst mal nichts.

Di e Produktion des A6 soll gestoppt worden sein

Audi soll bei mindestens 30.000 A6 in Deutschland und der gleichen Anzahl von Exportfahrzeugen einen neuen Trick angewendet haben. Die betroffenen Fahrzeuge sind mit einem sogenannten SCR-Katalysator zur Reinigung der Stickoxide ausgestattet. Dieser benötigt für eine reibungslose Funktion Harnstoff (Markenname: AdBlue), der in einem zusätzlichen Tank untergebracht ist. Der Harnstoff wird in den Abgasstrom eingespritzt und sorgt dafür, dass die Stickoxide in harmlosen Stickstoff und Wasserdampf umgewandelt werden.

Audi A6 Avant
imago/Jakob Hoff
Audi A6 Avant

Damit der Kunde nicht selber Harnstoff nachfüllen muss, sondern erst die Werkstatt beim nächsten Service, hat Audi die Einspritzung der Reinigungsflüssigkeit 2400 Kilometer bevor sie zuneige geht stark gedrosselt. In der Zeit, da die Zufuhr von Harnstoff abgeregelt ist, funktioniert der SCR-Katalysator zur Reinigung von Stickoxiden im Abgas nicht oder nur extrem eingeschränkt. Das giftige Gas entweicht in hohen Konzentrationen aus dem Auspuff.

Der A6 besitzt eine Zulassung aus Luxemburg, allerdings sollen die KBA-Beamten bereits im Kontakt mit den dortigen Zulassungsämtern stehen. Ein amtlicher Rückruf zumindest für die in Deutschland in den Verkehr gebrachten Audi-Fahrzeuge ist äußerst wahrscheinlich.

Die Nachricht von einer neuerlichen Abgasmanipulation soll auch auf der Aufsichtsratssitzung des VW-Konzerns ein Thema gewesen sein. Mittlerweile sei sogar die Produktion des Modells angehalten, auch die Auslieferung von bereits verkauften A6-Modellen an die Käufer könnte schon bald untersagt werden.

Wirtschaftlich bedeutet dies für Audi einen herben Rückschlag. Die VW-Tochter kämpft mit dem A6 gegen BMW 5er und E-Klasse an. Zuletzt landeten die Ingolstädter mit 38.856 Neuzulassungen im Jahr auf Platz drei hinter BMW und Mercedes. Ein überholtes Modell der neuen Baureihe C8 ist bereits auf dem Genfer Autosalon im März vorgestellt worden und soll den Anschluss an die Konkurrenten aus München und Stuttgart schaffen. Der A6 ist das drittwichtigste Volumenmodell von Audi nach A4 und A3.

Audi-Chef Rupert Stadler unter Druck

Für Audi-Chef Rupert Stadler könnte die Enthüllung Folgen haben. Schon seit langem gilt er im Konzern als angezählt. Denn ganz offensichtlich haben die Entwickler von Audi jene Dieselmodelle mit Abschalteinrichtungen für eine ganze Reihe von Autos aus dem Hause VW geliefert, für die das Kraftfahrt-Bundesamt im vergangenen Jahr einen amtlichen Rückruf aussprechen musste - unter anderem auch für den Porsche Cayenne. Hat Stadler in seiner Entwicklungsabteilung in Neckarsulm immer noch nicht aufgeräumt? Am Mittwoch dürfte er sich auf der Hauptversammlung von Audi ernste Fragen anhören müssen.

Auf Anfrage des SPIEGEL sagte ein Audi-Sprecher: "Die Dieselkrise ist für Audi nicht beendet. Neue Rückrufe sind nicht als Folge von Untätigkeit zu werten, sondern im Gegenteil als Ergebnis konsequenter Aufklärung."

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