Dienstag, 24. Oktober 2017

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Ex-VW-Vorstand Goeudevert "Autoindustrie muss radikal umdenken"

Profilierter Mahner: Ex-Volkswagen Vorstand Goeudevert

Ex-Volkswagen-Vorstand Daniel Goeudevert kritisiert den Kurs der deutschen Autoindustrie. Autos seien kein Luxusprodukt, sondern Fortbewegungsmittel. Von dieser Einsicht hänge die Zukunft der Branche.

Weimar/Bern - Nach Meinung des ehemaligen Automanagers Daniel Goeudevert muss die deutsche Autoindustrie radikal umdenken, wenn sie ihre Marktposition halten will. "Es gibt keine Überkapazitäten in der Autoindustrie. Es gibt nur Überkapazitäten bei den Autos, die wir gerade bauen", sagte Goeudevert im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

"Die deutschen Autobauer denken, sie sind im Markt für Luxusgüter tätig. Das ist falsch. Ihr Produkt ist Mobilität", äußerte der ehemalige VW-Vorstand. In China oder Indien gebe es ein riesiges Bedürfnis nach Mobilität. Dies erfordere jedoch neue Konzepte.

Goeudevert rechnet damit, dass die weltweite Autoproduktion in den kommenden zwanzig Jahren von derzeit rund 65 Millionen auf 120 Millionen Fahrzeuge steigt. In Europa gebe es heute 500 Autos je 1000 Einwohner, in China und Indien seien es 8 bis 15. "Sie werden nicht auf unsere Verhältnisse kommen, aber sie werden kräftig aufholen."

Die Chinesen versuchten nicht länger, die konventionellen Superautos der Amerikaner und Europäer nachzubauen, sondern arbeiteten an Lösungen vor allem für die staugeplagten Megastädte. "Mir ist es ein Rätsel, warum die erfinderischen Deutschen sich mit dem Problem Stau noch nicht intensiver beschäftigt haben." Dabei sei das Ruhrgebiet die am dichtesten besiedelte Region in Europa mit permanenter Staugefahr.

"Wir haben wahnsinnig viel Zeit verloren", sagte Goeudevert. Seit der Ölkrise in den 1970er Jahren seien Effizienzgewinne durch Technikspielereien aufgefressen worden. "Heute sind die Autos 300 Kilo schwerer und es gibt Technologien in meinem Auto, die habe ich noch nie benutzt - und ich werde sie nie brauchen."

Als größten Fehler der deutschen Autobauer machte er eine zu einseitige Orientierung an der Konkurrenz aus. "Sie beobachten andere Hersteller, nicht die Kundschaft." Verändern würden sich jedoch vor allem die Kunden. "In der Pariser Innenstadt haben nur noch 40 Prozent der Menschen ein Auto."

Der ehemalige Automanager sieht den Zwang zur Umkehr: "Wir haben bisher immer Mehr-Auto gebaut. Nun müssen wir Weniger-Auto bauen - das ist schwer." Um in den Boom-Märkten mithalten zu können, müssten neue Ideen her. "Warum setzen sich die Autobosse nicht einmal mit den Stadtplanern zusammen?"

Goeudevert war Deutschland-Chef von Ford Börsen-Chart zeigen und Renault Börsen-Chart zeigen sowie Vorstandsmitglied bei Volkswagen Börsen-Chart zeigen . Der vor 68 Jahren in Frankreich geborene Wahl-Schweizer gilt als Querdenker, der schon in den 1990er Jahren für ökologischere Autos stritt.

nis/dpa

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