Montag, 25. Juli 2016

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Daimler baut Moovel um Car2go wird auf Profit getrimmt

Daimlers Carsharing-Angebot Car2go (in den USA, Archivbild 2009): Car2go zog sich aus Los Angeles zurück und will nun vor allem in China wachsen.

Letztes Jahr klang es bei Daimler noch nach Aufbruch: Mit ihrer hippen Tochter Moovel wollten die Stuttgarter zum "Mobilitätsdienstleister" reifen, Moovel-CEO Robert Henrich sprach gar von einem "Amazon der Mobilität". Die Moovel-Smartphone-App und Dachgesellschaft bündeln seitdem die digitalen Angebote des Autobauers, wie den Carsharing-Dienst Car2go oder die Taxi-App MyTaxi, unter einer Marke.

Nach Informationen von manager magazin verliert Moovel seinen herausgehobenen Status nun wieder. Demnach entwirrt Daimler das Knäuel zum 1. Oktober und löst das Geschäft mit der Mobilitäts-App aus der alten Moovel GmbH heraus, die zur bloßen Klammer-Gesellschaft ohne eigenen CEO eingedampft wird.

Henrich wird dann als Geschäftsführer der Tochter "moovel Group" einzig für das App-Business verantwortlich sein (Moovel, Ridescout). Die neue Gesellschaft reiht sich als eine von drei Säulen neben dem "Ride for Hire"-Geschäft (MyTaxi, Beteiligungen an Blacklane und MeinFernbus Flixbus, geführt von Marcus Spickermann) und Car2go ein, dem der Ex-Europcar-Boss Roland Keppler vorsteht.

Der Strategieschwenk kommt für Insider nicht unerwartet. Daimler baute Moovel zwar rhetorisch gern zum Primus auf, ließ bei konkreten Taten jedoch Leidenschaft vermissen. Die Tochter blieb blass und mangels großer Werbekampagnen weitgehend unbekannt, während Car2go und MyTaxi immer populärer wurden.

Im Schatten von Car2go und MyTaxi

Dank der geplanten Strukturkosmetik kann Daimler Börsen-Chart zeigen Car2go nun leichter auf Profit trimmen. Der ist längst überfällig, war doch ein erster Gewinn ursprünglich für 2015 geplant. Heute möchte man sich auf kein Datum mehr festlegen. Dazu passt, dass Car2go kürzlich seine Geschäftsgebiete in wichtigen Städten dezimierte und wenig lukrative Vororte wie Hamburg-Niendorf vom Netz abschnitt.

Prestigeprojekte wie Los Angeles wurden ganz aus dem Programm gestrichen, dafür will Car2go bald in China wachsen. Moovel, die noch unrentablere Mutter, würde auf diesem Weg wohl stören.

Ihr Sprecher Michael Kuhn nennt die Umstrukturierung hingegen einen "wachstumsorientierten Schritt", der auch dem "reiferen Geschäftsmodell" von Car2go geschuldet sei.

Angebot für autolose Großstädter - und Geld über Provisionen

Und Moovels Zukunft? Als Folge der Neuordnung muss CEO Henrich zunächst einmal umziehen: Weg von Car2go am Stuttgarter Flughafen in neue Büros in der Innenstadt. Ansonsten scheint vieles offen. Selbst den Einstieg externer Investoren möchte Sprecher Kuhn nicht ausschließen.

Daimler wollte mit der App junge Großstädter anlocken, denen ein eigenes Auto eher lästig ist. An einen teuren Mercedes würde sich diese Gruppe wahrscheinlich nie binden wollen. Moovel ist flexibler: Ob Tram, Taxi oder einen Smart von car2go - die App schlägt seinen Nutzern stets mehrere, alternative Verkehrsmittel vor. Geld kommt, wohl eher schlecht als recht, über die Provisionen herein, die etwa die Deutsche Bahn für jeden vermittelten Fahrgast zahlt.

Moovel hatte es von Anfang an schwer, galt die App doch als schwergängig - und überflüssig. Niemand ist auf sie angewiesen, die meisten Car2go-Kunden nutzen etwa eine separate App.

Es gab von Anfang an Alternativdienste wie Ally, die auch Daimler-Konkurrenten wie DriveNow (BMW) in die Routenberechnung einbeziehen. Hinzu kamen technische Probleme, etwa bei der Integration des Carsharers Flinkster (Deutsche Bahn), die sich um mehrere Monate verzögerte.

Selbst viele Daimler-Mitarbeiter waren eher abgeturnt: Auf ihren Diensthandys (Windows Phones) ist die Moovel-App bislang nicht verfügbar. Immerhin möchte Car2go bald eine Windows-Version herausbringen.

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