Samstag, 21. Oktober 2017

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Umstrittenes TecDax-Schwergewicht Wirecard und die 1000 englischen Briefkastenfirmen

Seltener Auftritt in der Öffentlichkeit: Wirecard-Vorstandschef Markus Braun, hier auf der DLD-Konferenz im Januar 2017.
picture alliance / Jan Haas
Seltener Auftritt in der Öffentlichkeit: Wirecard-Vorstandschef Markus Braun, hier auf der DLD-Konferenz im Januar 2017.

Man könnte fast meinen, Wirecard Börsen-Chart zeigen gäbe es zweimal. Das eine ist der gefeierte Technologiekonzern mit einer Marktkapitalisierung von sechs Milliarden Euro - hinter Zalando Börsen-Chart zeigen der höchste Börsenwert aller in den zurückliegenden 20 Jahren gegründeten deutschen Unternehmen. Dieses Wirecard gehört in Corporate Germany längst zum Establishment. So arbeiten inzwischen selbst Großkonzerne wie die Telekom oder Siemens bei neuen Payment-Lösungen mit dem bayerischen Zahlungsdienstleister zusammen. Dazu passt die Eloge, zu der neulich in einem Hintergrundgespräch der Spitzenmanager einer Frankfurter Großbank ansetzte: "Wir sollen stolz sein, dass wir in Deutschland eine Erfolgsgeschichte wie Wirecard haben."

Es gibt allerdings auch das andere Wirecard. Das ist jenes Unternehmen, dessen Bilanzierung selbst professionelle Finanzanalysten nicht durchdringen - und das auch deshalb in den vergangenen Jahren immer wieder zum leichten Opfer dubioser Spekulanten wurde. Kurz zusammengefasst: 2008 fuhren ausgerechnet vermeintliche Anlegerschützer eine spektakuläre Short-Attacke gegen den damaligen Börsenneuling. 2010 folgte der Angriff des zwielichtigen Finanznachrichtendiensts Gomopa, der die Wirecard-Aktie mit einer Falschmeldung einkrachen ließ. Und 2016 brachte schließlich das angebliche Enthüllungs-Dossier der selbst ernannten Researchfirma Zatarra den Kurs schon wieder ins Wanken.

Natürlich darf man einer Firma aus dem Umstand, dass sie von Spekulanten attackiert wird, keinen Vorwurf machen. Neue Recherchen von manager -magazin.de werfen nun allerdings die Frage auf, ob Wirecard wirklich immer über jeden Zweifel erhaben ist - oder ob das Unternehmen kritische Fragen nicht bisweilen auch provoziert. Konkret geht es dabei um eine schattige englische Firma namens "Brinken Merchant Incorporations" (BMI). Und noch konkreter um die Frage, warum ausweislich des britischen Unternehmensregisters ausgerechnet ein ehemaliger Wirecard-Mitarbeiter und eine aktuelle Wirecard-Managerin jahrelang zu den Gesellschaftern dieses Unternehmens gehörten - letztere sogar bis 2015, als die BMI schließlich nach Ärger mit den britischen Behörden aufgelöst wurde.

Der Reihe nach: Vor einigen Monaten veröffentlichte die Investigativ-Abteilung der Nachrichtenagentur "Reuters" eine lange Reportage, deren Titel übersetzt lautete: "Wie eine britische Kleinstadt zur Drehscheibe für Online-Porno und Online-Gambling wurde." In dem aufwendig recherchierten Artikel ging es um eine Gemeinde namens Consett, deren Bewohner als "Direktoren" von mehr als 1000 Briefkastenfirmen eingetragen waren. Als ein Beispiel wurde ein 61-jähriger Rentner angeführt, der als Chef von ThunderFlash Entertainment firmierte, einem Betreiber von Hardcore-Porno-Webseiten. Die Sache allerdings war: Der Rentner wusste davon nach eigener Aussage gar nichts. Anderen der insgesamt mehr als 400 "Direktoren" aus Consett soll es ähnlich ergangen sein.

Tatsächlich stand hinter den mehr als 1000 shell companies in Wirklichkeit ein gewisser Simon Dowson. Typ: umtriebiger Kleinunternehmer. Wohnhaft: ebenfalls in Consett. Die Reporter von "Reuters" fingen ihn vor dem örtlichen Starbucks ab, und offensichtlich zeigte sich Dowson ausgesprochen auskunftsfreudig. Jedenfalls erklärte der 35-Jährige sein Geschäftsmodell wie folgt: Er habe Onlinehändlern, deren Transaktionen von Kreditkartenfirmen als "Hochrisikogeschäft" eingestuft wurden, geholfen, trotzdem Zahlungen per Kreditkarte anbieten zu dürfen. Hintergrund: Viele dieser Händler hätten außerhalb Europas gesessen. Mit der britischen - und damit europäischen - Adresse sei es für sie leichter gewesen, Kreditkartenfirmen von der Zusammenarbeit zu überzeugen und in Europa Geschäfte zu machen.

Folgt man Dowsons Ausführungen, dann nahm die Gründung immer neuer Unternehmen zwischenzeitlich fast industrielle Züge an. Im Zentrum des Geschäftsmodells standen demnach die mit den Wirecard-Mitarbeitern verbundene Brinken Merchant Incorporations und später eine gewisse EMB Management Solutions (EMB). Diese beiden Unternehmen hätten die Briefkastenfirmen gegründet und dann die Einwohner von Consett als "Direktoren" eingesetzt. Dabei, so Dowson, wäre es sogar noch einfacher und billiger gewesen, die Direktorenposten auf sich selbst und ein paar Angestellte zu verteilen. Allerdings: Hätte eines der Unternehmen gegen Kreditbestimmungen verstoßen und in größerem Umfang Zahlungsrückforderungen verursacht, hätten die Kreditkartenfirmen nach Querverbindungen zu anderen Unternehmen gesucht und diese womöglich vom Geschäft abgeschnitten. Darum die Strategie mit den vielen verschiedenen "Direktoren". Sie habe geholfen, etwaige Schäden für die eigenen Kunden zu begrenzen.

"Reuters" zufolge agierte Dowson in einer "rechtlichen Grauzone". Dabei seien einige der Geschäfte, denen die Consett-Firmen ihren Namen liehen, sogar illegal gewesen. Dennoch habe man weder die "Direktoren" noch Dowson persönlich belangt. Gleichwohl machte eine britische Regierungsbehörde 2010 insgesamt 27 der von Brinken Merchant Incorporations aufgesetzten Unternehmen dicht - eine davon war eine gewisse Bluetool. Im März 2014 folgten elf weitere Unternehmen. 2015 schließlich willigte Dowson nach eigener Aussage gegenüber der Regierungsbehörde ein, die Brinken Merchant Incorporations abzuwickeln.

Was hat nun Wirecard mit alldem zu tun? Obwohl der Name des deutschen Milliardenkonzerns in der Reportage nicht auftaucht, fiel Wirecard-Kennern schon bei der Veröffentlichung des Artikels im November auf, dass die "Reuters"-Journalisten ausgerechnet ein Unternehmen explizit hervorhoben, das eine wichtige Rolle bei den dubiosen Angriffen auf Wirecard 2010 spielte. Hintergrund: In der Affäre damals ging es um die Verurteilung des deutschen Staatsbürgers Michael Sch. in den USA: Er hatte gestanden, über Briefkastenfirmen illegale Online-Gambling-Erlöse in Höhe von 70 Millionen Euro an gut 20.000 amerikanische und kanadische Pokerspieler transferiert zu haben. Eine dieser Briefkastenfirmen war die im "Reuters"-Artikel hervorgehobene Bluetool. Die Falschmeldung von Gomopa damals lautete, Sch. habe eingeräumt, im Auftrag von Wirecard gehandelt zu haben. Tatsächlich hatte er das allerdings nach allem, was man weiß, nie gesagt. Darum erholte sich die Aktie auch rasch wieder.

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