Freitag, 16. November 2018

Online-Enzyklopädie Der Schwede, der 10.000 Wikipedia-Artikel am Tag verfasst

Online-Enzyklopädie: Auf Wikipedia finden sich etwa 30 Millionen Artikel in fast 300 Sprachen
Wikimedia Foundation
Online-Enzyklopädie: Auf Wikipedia finden sich etwa 30 Millionen Artikel in fast 300 Sprachen

Er ist der wohl produktivste Autor weltweit: Der Schwede Sverker Johansson stellt täglich bis zu 10.000 neue Beiträge auf die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Die Art, wie er die Inhalte erstellt, ist allerdings nicht unumstritten. 

Hamburg - Der Schwede Sverker Johansson ist vermutlich der produktivste Autor weltweit - aber kaum jemand kennt ihn. Johansson schreibt Artikel für die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Und das mit einer schier unglaublichen Schlagzahl: Laut Wikimedia Analytics, wo die Statistiken des Web-Lexikons geführt werden, hat der 53jährige einem Bericht des "Wall Street Journal" ("WSJ") zufolge in den vergangenen etwa sieben Jahren sage und schreibe 2,7 Millionen Beiträge auf die Seite gestellt.

Er ist damit für etwa 8,5 Prozent des gesamten Inhalts von Wikipedia verantwortlich, so das "WSJ". Kein anderer Wikipedia-Schreiber komme auch nur annähernd in diese Dimension.

Es liegt auf der Hand, dass Johansson diesen enormen Output nicht auf herkömmliche Weise bewerkstelligen kann. Recherchieren, formulieren, tippen - da wären schon die physischen Grenzen deutlich früher erreicht. Von den mentalen ganz zu schweigen.

Das Geheimnis seiner Produktivität: Der Schwede, der laut "WSJ" unter anderem über Abschlüsse in Linguistik, Ökonomie und Teilchenphysik verfügt, hat ein Computerprogramm entwickelt, das bis zu 10.000 Wikipedia-Beiträge am Tag produzieren kann. Dieser sogenannte Bot durchsucht Datenmaterial und andere Informationsquellen und fasst das Gefundene zu kurzen Artikeln zusammen.

Kritik an Computer-generierten Beiträgen

Auf diese Weise setzt Johansson also seine Unmengen an lexikalischen Kurzbeschreibungen in die Welt. Seine Spezialgebiete sind seltene Tierarten sowie Städte auf den Philippinen, von denen seine Frau stamme, schreibt das "WSJ". Etwa ein Drittel seiner Arbeit fügt er demnach der schwedischen Version von Wikipedia hinzu, der Rest erscheine auf philippinisch.

Dass Computerprogramme mittlerweile in der Lage sind, weitgehend eigenständig mehr oder weniger sinnvolle Schriftstücke zu verfassen, ist nicht neu. In der Medienwelt geistert seit geraumer Zeit das Wort vom "Roboterjournalismus" umher. In der Branche, die angesichts der Kostenlos-Mentalität im Internet und der freien Informationsverbreitung über soziale Medien ohnehin über ihre Zukunft rätselt, sorgen automatisch erstellte Beiträge, wie es sie in manchen Redaktionen bereits gibt, für zusätzliche Verunsicherung.

Auch auf Wikipedia ist das Phänomen seit langem bekannt, schreibt das "WSJ". Und es stößt auch dort mitunter auf Vorbehalte. Die Zeitung zitiert beispielsweise den deutschen Wikipedia-Autoren Achim Raschka, der bisweilen Tage damit verbringe, einzelne Beiträge gründlich zu recherchieren und zu verfassen.

"Ich bin grundsätzlich gegen die kurzen, Computer-generierten Abrisse", sagt der 41jährige. Speziell Johanssons Programm mit Namen "Lsjbot" sei ihm ein Dorn im Auge. Denn das produziere lediglich grundlegende, systematisierende Informationen anstatt beschreibender Artikel. Dadurch werde den Wikipedia-Nutzern nicht geholfen.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH