Freitag, 22. September 2017

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Wie raffiniert die Lufthansa sich Air Berlin einverleibt In acht Zügen schachmatt

Die Lufthanse wird sich wohl einen Großteil von Air Berlin einverleiben

Was haben Swiss, Austrian und andere Airlines gemeinsam? Alle wurden Opfer der Lufthansa und existieren lediglich noch als Tarnnamen, um die Dominanz der Lufthansa zu verschleiern. Jetzt die wirtschaftspolitisch untragbare Übernahme von Air Berlin: Für diesen Sechser im Lotto braucht die Lufthansa nicht 'mal einen Spieleinsatz, sondern lediglich geniales Zeitmanagement und brave Bauchrednerpuppen.

Rückblick 2016: Lufthansa Börsen-Chart zeigen steckt in diversen Problemen, von der Personalpolitik über die Unternehmensstrategie bis hin zu Ryanair Börsen-Chart zeigen. Deshalb wird die notleidende Air Berlin Börsen-Chart zeigen interessant. Vorstandschef Carsten Spohr braucht dringend die Mitarbeiter, die Flugzeuge sowie die Flugstrecken. Nur hat Lufthansa bereits jetzt eine dominante Position in Deutschland, der Schweiz und Österreich, weshalb die Übernahme politisch nicht ganz trivial wäre. Und: Air Berlin hat mehr als eine Milliarde Euro Schulden, was betriebswirtschaftlich ebenfalls nicht trivial ist. Also muss ein Plan her, wie man sich Air Berlin schnappen kann - ohne selber zu viel zu investieren. Der Kranich wird zum Kraken.

Dieser Plan erinnert an Ocean's Eleven oder Mission Impossible, auch wenn Carsten Spohr nicht ganz als George Clooney oder Tom Cruise durchgeht.

Erster Zug: Thomas Winkelmann wird CEO

Christian Scholz
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    Christian Scholz
    Christian Scholz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. Sein zentraler Tätigkeitsbereich ist die Erforschung der Arbeitswelt: vom Personalmanagement bis zur Digitalisierungsstrategie. 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch zur Generation Z.

Im Februar 2017 wird Thomas Winkelmann CEO von Air Berlin - wobei er sich sein Gehalt über eine Bankbürgschaft absichern lässt. Dass ein linientreuer Lufthanseat nach rund 20 Dienstjahren im Kranich-Konzern sicherlich nicht Air Berlin stärken, sondern möglichst billig an Lufthansa verschenken will, liegt auf der Hand. Wie immer Lufthansa diese Personalie gedeichselt hat, hierfür gibt es nur ein Wort: genial!

Zweiter Zug: Air-Berlin-Maschinen an Lufthansa

Jetzt kann auch das seit langem geplante Groß-Leasing über die Bühne gehen: Air Berlin vermietet 38 Maschinen samt Personal an den Lufthansa-Konzern, speziell an Eurowings. Der Krake greift zu. Genial.

Dritter Zug: Lufthansa spielt den guten Samariter

Ablenkungseffekt: Lufthansa erklärt, dass man der armen Air Berlin helfen, aber unter keinen Umständen ihre Schulden übernehmen wolle. Also: Man hat zwar Interesse an Flugrechten, Maschinen, Mitarbeitern und an anderen Vermögenswerten, nur die Schulden möchte man nicht. Auch wenn dieser Schritt harmlos wirkt: Er soll und wird die Öffentlichkeit beeinflussen. Denn das Szenario "Insolvenz plus Übergang an Lufthansa" wird schon seit langem thematisiert, bleibt aber politisch unpopulär. Jetzt aber ist die Rolle gefunden: Lufthansa als rettender Engel. Wieder genial.

Vierter Zug: Insolvenz, frisches Geld und ein Wunschpartner

Das ist nicht zu toppen, denn jetzt kommen simultan drei Schachzüge:

Gerade einmal sechs Monate nachdem Thomas Winkelmann auf dem Chefsessel platziert wurde, erklärt er die Insolenz von Air Berlin. Das Timing ist perfekt: Bundestagswahlen stehen bevor und Urlauber wären bei einer Einstellung des Flugbetriebs gestrandet.

Das will natürlich niemand. Also verkündet die Bundesregierung, mit 150 Millionen Euro den Flugbetrieb aufrecht zu erhalten. Die Summe ist vertretbar und sogar niedrig verglichen allein mit den bisherigen Strafzahlungen von Volkswagen in den USA (bis jetzt rund 4 Milliarden Euro) und der Abfindungshöhe eines SPD-Automobilvorstandes (12 Monate Arbeit für 15 Millionen Euro Abfindung) - ganz zu schwiegen von den Geldern für "Bankenrettung" oder "Abwrackprämie". Wichtig für Lufthansa: Sie kann die gewonnene Zeit nutzen.

Und dann - wirtschaftspolitisch höchst bedenklich - verkündet Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt: "Wir brauchen einen deutschen Champion." Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries würde es begrüßen, "wenn die Lufthansa größere Anteile von Air Berlin übernimmt".

Dreimal genial!

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