Donnerstag, 24. Mai 2018

Wie raffiniert die Lufthansa sich Air Berlin einverleibt In acht Zügen schachmatt

Die Lufthanse wird sich wohl einen Großteil von Air Berlin einverleiben

4. Teil: Lufthansa und Air Berlin - wie die Politik versagt

Es fällt leicht, über das unternehmerische Versagen von Air Berlin in den vergangenen Jahrzehnten herzuziehen, wobei aber in diesem Fall die Politik schon beim Bau des Flughafens Berlin-Brandenburg versagt hat, der für Air Berlin überlebenskritisch war. Es gibt aber noch weitere Felder, wo der Fall Air Berlin eklatante Defizite in der Politik offenbart.

Politischer Populismus

Bei uns gehört es zum guten Ton, über Donald Trump und sein "America First" zu spotten. Nur: Was wir im Fall Air Berlin aus der Politik hören, ist genau das Gleiche. Sätze wie "Wir brauchen einen nationalen Champion" mögen bei Wählern gut ankommen, sind aber nichts anderes als Populismus.

Erhöhung der Monopolgefahr

Bei der Übergabe von Air Berlin an Lufthansa geht es nicht darum, irgendeinem kleinen mittelständischen Unternehmen eine Chance zu geben. Hier wird die marktbeherrschende Stellung eines Konzerns ausgebaut. In Deutschland (und Österreich und der Schweiz) kommt man an Lufthansa nicht vorbei. Und das ist erst der Anfang: Easyjet, Condor und andere Fluglinien wären der noch mächtigeren Lufthansa-Krake hoffnungslos ausgeliefert und vermutlich die nächsten Opfer.

Verstoß gegen Gleichbehandlung

Nicht dass es zwingend gut gewesen wäre, aber mit wesentlich besseren Argumenten hätte man auch die Idee verfolgen können, Opel in einen der deutschen Automobilkonzerne zu integrieren, statt den Verkauf an den französischen PSA-Konzern zuzulassen.

Schaden für Arbeitnehmerinteressen

Sie stehen auf der politischen Agenda nicht gerade weit oben und deshalb fällt Air Berlin nicht besonders ins Gewicht. Nur: Lufthansa ist sowieso schon auf einer extremen Reise zur Optimierung der Lohnkosten, da passt der Air-Berlin-Deal gut ins System, der zu einer sukzessiven "Lohnanpassung" nach unten führen und bei einer Personalpolitik enden wird, wie wir sie bisher nur von Ryanair kennen.

Verstärkung der Zentralwirtschaft

Es ist in einer Marktwirtschaft nicht die Aufgabe der Regierung, über Staatsprotektionismus steuernd in die Unternehmenswelt einzugreifen. Sicherlich könnte man auch sagen, dass die Regierung nicht steuert, sondern den jeweils stärkeren Lobbygruppen nachgibt. Und da hat die Lufthansa eben besonders gute Karten. Das macht es aber auch nicht besser.

Verlust an Handlungsfreiheit

Nach dem Wachstumsschub durch Air Berlin ist Lufthansa für Deutschland mindestens so systemrelevant wie die Großbanken. Damit wird die Bundesregierung erpressbar und auch aus diesem Grund hätte sie sich nicht auf den Pakt mit Lufthansa einlassen dürfen. Sehr bald wird die verlustträchtige Eurowings in Berlin anklopfen. Vielleicht kann sie auch kurzfristig insolvent werden? Wie die Landesregierung in Niedersachen ihre Aussagen und Handlungen bezüglich Volkswagen Börsen-Chart zeigen mit dem Wolfsburger Konzern "abstimmt", wird jede Bundesregierung bei Gesetzgebung, Subventionen und vielen anderen Dingen wohl artig der Direktive aus Frankfurt beziehungsweise München folgen.

Fehlender Verbraucherschutz

Der Fall Air Berlin müsste auch beim Minister für Verbraucherschutz landen. Flüge dürften um ein Vielfaches teurer werden, innerdeutsche Alternativen verschwinden. Und auch die Bordverpflegung bei Lufthansa und die Zuverlässigkeit dürften sich bald auf deutschen Monopolstrecken dem Standard von Air Berlin annähern. Einziger Unterschied: Statt dem roten Schokoladenherz von Air Berlin bekommt man beim Ausstieg aus dem Flugzeug einen schwarze Lufthansa-Kraken aus Lakritz.

Insgesamt sprechen fast alle Argumente gegen den Plan der Lufthansa. Vor allem ist er wirtschaftspolitisch untragbar, zudem gibt es vernünftige Alternativen. Trotzdem: Die Politiker in Berlin werden brav dem Wunsch aus Frankfurt folgen und allenfalls einige kleine Alibikorrekturen zulassen.

Christian Scholz ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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