Donnerstag, 29. September 2016

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Medien-Kodex für Unternehmen Wie die Großkonzerne auf Medien Einfluss nehmen wollen - und wie gerade nicht

imago / Westend61

Über mehrere Monate hatte Jürgen Gramke mit Compliance-Verantwortlichen großer Konzerne an dem Regelwerk gearbeitet. Dazu hatte der ehemalige Politiker und begnadete Netzwerker in seinem Arbeitskreis Corporate Compliance Sittenwächter von Allianz, BASF, Deutsche Bank, Deutsche Börse, Lufthansa, Deutsche Post, Deutsche Telekom, Eon, MunichRe, RWE und Volkswagen um sich geschart. Als dann das manager magazin den "Kodex für die Medienarbeit" von Unternehmen und dessen Hintergründe in der März-Ausgabe veröffentlichte und auch online in Kurzform unter der Überschrift "Dax-Konzerne starten Initiative gegen verdeckte Manipulation von Medien" darüber berichtete, war die Aufregung dennoch groß.

Viele Kommunikationschef der Konzerne hielten den Kodex schon allein deswegen nicht für repräsentativ, weil sie selbst nicht an der Diskussion beteiligt waren. Das allerdings ist zum Teil auch das Besondere an dem Regelwerk: Er wurde eben nicht in erster Linie von Kommunikations- und Marketingchefs konstruiert, sondern von denjenigen, die abseits der operativen Nöte für sauberen Umgang miteinander sorgen sollen: eben den Compliance-Verantwortlichen.

Die wiederum bekamen zum Teil nach der Veröffentlichung intern mehr oder weniger sanften Druck - und reichten ihn ihrerseits mitunter an Gramke weiter. Der wiederum sah sich jüngst zu einem Rundschreiben an seine Mitglieder genötigt, das manager magazin vorliegt. Es ist ein Kleinod taktischer Lobby-Kommunikation. So schreibt Gramke beispielsweise "Alle Mitglieder des Arbeitskreises Corporate Compliance sind Compliance-Verantwortliche aus den Unternehmen. Mitglied ist kein Unternehmen, sondern nur Personen." Das soll den Konzernen die Möglichkeit eröffnen, sich von dem Arbeitskreis zu distanzieren. Tatsächlich findet sich auf der Website des Instituts for European Affairs, unter dem der Arbeitskreis organisiert ist, keine Liste der Mitgliedsunternehmen mehr. Dass die Compliance-Verantwortlichen der Unternehmen bislang selbstverständlich immer auf Kosten ihrer Unternehmen anreisen - geschenkt.

In dem zweiten Punkt seines Rundschreiben listet Gramke im Detail auf, wie der Kodex genau erstellt wurde. Unter Punkt 2.4. heißt es: "(...) Übersendung des Schlussentwurfes an alle Mitglieder des Arbeitskreises mit der Bitte um Durchsicht und Mitteilung von Ergänzungs- und Änderungswünschen". Das wiederum kontert die Kritik einiger Kommunikationschefs, nicht nur sei man persönlich nicht involviert gewesen, auch die Compliance-Verantwortlichen seien persönlich bei der Verabschiedung des Kodizes Ende Januar in Essen womöglich gar nicht anwesend gewesen. Das stimmt einerseits. Andererseits wäre das in etwa so, als würde ein Mitglied einer Regierungskoalition bei der Verabschiedung eines Gesetzes im Bundestag fehlen - das aber möglicherweise mit vollstem Bewusstsein. Und anschließend würde sich dann ein Parteifreund im Namen, aber möglicherweise gar nicht mit Prokura des säumigen Bundestagsabgeordneten über den ganzen Prozess beschweren.

Wie also ist die Position der Kommunikationschefs großer deutscher Konzerne im Umgang mit Medien? manager-magazin.de hat die Verantwortlichen in einer Umfrage gebeten, ihre Position zu erläutern. Wenn Sie zuvor den Kodex lesen wollen, finden Sie ihn hier.

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