Dienstag, 19. März 2019

Wirtschaftspolitik Wie die großen Ökonomen Schumpeter und Kondratieff uns vor der nächsten Schuldenkrise bewahren können

Nahm die Ideen des russischen Ökonomen Kondratieff zu den Verwerfungen in Volkswirtschaften auf und veredelte sie: Joseph Alois Schumpeter.

War die Finanzkrise unausweichlich? Und wird sich ein solches Desaster wiederholen? Wichtige Wirtschaftshistoriker gehen davon aus. Wer Kondratieff und Schumpeter kennt, könnte gegensteuern.

Vielleicht sind Finanzkrisen nur der Preis, den wir für wirtschaftlichen Fortschritt zahlen müssen? Schon vor einiger Zeit sprach ich darüber mit dem Autor des Buches Money Mania, Bob Swarup. Dieser ist in die Geschichte der Finanzkrisen bis ins Altertum eingestiegen ("Kaiser Augustus war der erste Keynsianer"). Seine Schlussfolgerung:

  • Finanzkrisen ähneln sich: Es gibt die gleichen Abläufe im Rom der Antike, im England des 18. Jahrhunderts und im Jahr 2008.
  • Es genügt nicht, Herdenverhalten und Irrationalität als Ursachen zu sehen. Auch billige Kredite genügen nicht als Begründung - wobei, meine persönliche Ergänzung, es ohne sie sicherlich keine Finanzkrisen gäbe!
  • Vielmehr liegt es an der Komplexität des Finanzsystems. Nicht erst seit "Collateralised Debt Obligations" und "Structured Investment Vehicles" gibt es komplexe Finanzinstrumente. Die Griechen und Römer waren durchaus fortschrittlich, was Finanzinstrumente betrifft. Und weil die Komplexität schneller wächst, kommt es auch häufiger zu Krisen.
  • Deshalb sollte man auf die Krise auch nicht mit mehr Komplexität antworten - zum Beispiel mit neuer Bankenregulierung, die dann ohnehin nur wieder umgangen wird. Besser: das Kreditwachstum in der Volkswirtschaft beschränken. Dazu meine persönliche Anmerkung: Das halte ich für völlig richtig. Zwar gibt es Kritiker einer solchen "makroprudenziellen Steuerung", aber eine Begrenzung durch Kapitalunterlegungsregeln nach Wirtschaftssektoren ist noch lange keine Verstaatlichung des Bankensystems.
  • Außerdem müssen die Banken verkleinert werden. Ein "too big to fail" darf es nicht mehr geben - was ich, natürlich, persönlich auch für völlig richtig halte.

Darüberhinaus betont der Autor, dass es eine Parallele zwischen Finanz- und Wirtschaftskrisen und dem wirtschaftlichen Fortschritt gibt. Viele große Erfindungen fallen in die Zeit von Blasen und Finanzkrisen. Demzufolge wären die Krisen der Preis, den wir für den Fortschritt bezahlen müssen.

Das sehe ich anders. Zum einen haben wir aus der Krise von 2008 nicht wirklich etwas gelernt. Zumindest sehe ich keinen Fortschritt bei Regulierung und fundamentalen Reformen. Die Schulden wachsen weiter. Aber das kann auch daran liegen, dass die Krise noch lange nicht zu Ende ist, sondern im Unterschied zur Depression der 1930er Jahre in Zeitlupe abläuft.

Der Zusammenhang von Krisen und Fortschritt ist zwar gegeben. Doch ist die Wechselwirkung eine andere. Dabei halte ich es mit der Theorie der langen Wellen der Konjunktur von Kondratieff.

Die gegenwärtige Situation lässt sich als "Winterphase" einer sogenannten Kondratieff-Welle beschreiben. Nikolai Kondratieff, Ökonom und politischer Berater im russischen Ministerium für Landwirtschaft und Finanzen, war 1920 Gründungsdirektor des Konjunkturinstituts in Moskau. Es sollte die ökonomische Lage der Sowjetunion und der wichtigsten kapitalistischen Länder beobachten.

Mit einer Vielzahl an Indikatoren - darunter der langfristigen Bewegung von Großhandelspreisen, Löhnen und Zinsen - ermittelte Kondratieff drei große Wellen der wirtschaftlichen Entwicklung von 1790 bis 1920 und prophezeite in der Verlängerung völlig korrekt die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Seine Theorie wurde später von dem österreichischen Wirtschaftswissenschaftler und Harvard-Professor Joseph Schumpeter aufgegriffen, der - zu Ehren des russischen Kollegen - von Kondratieff-Zyklen sprach. Kondratieff erlebte es nicht mehr, dass seine Theorie allgemeine Anerkennung fand: Er wurde 1938 hingerichtet, weil er Stalins Landwirtschaftsreform kritisiert hatte. Wahrscheinlich hat es ihm auch nicht gerade geholfen, dass er dem Kapitalismus zutraute, die Weltwirtschaftskrise zu überstehen.

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