Dienstag, 6. Dezember 2016

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Müllers Memo Weltwirtschaft in der Sackgasse

Stahlwerk in China: Chinas Notenbank verpulvert ihre Devisenreserven mit atemberaubender Geschwindigkeit.

Das aktuelle Börsenbeben zeigt: Der Glaube an die Wirksamkeit staatlicher Eingriffe schwindet. Trotz immer größerer Geldspritzen haben Politiker und Notenbanker wenig erreicht - dafür aber große neue Probleme geschaffen.

Es ist, wieder einmal, ein böses Erwachen aus süßen Träumen. Die Börsen beben: Seit Ende vorigen Jahres sind die Börsenindizes in den reichen Ländern weggebrochen - Dow Jones Börsen-Chart zeigen , Dax Börsen-Chart zeigen , Nikkei Börsen-Chart zeigen haben um bis zu einem Fünftel ihres Wertes verloren.

Besonders hart getroffen hat es die großen Banken, gerade die Deutsche. Die Währungen der Schwellenländer sind abgeschmiert. Chinas Notenbank verpulvert ihre Devisenreserven mit atemberaubender Geschwindigkeit. Allein im Januar hat sie mehr als 100 Milliarden Dollar auf den Markt geworfen, um den Wert des Yuan zu stützen. Weltweit verfallen die Rohstoffpreise, Öl kostet heute Dreiviertel weniger als noch vor vier Jahren. Anleihen von ehemaligen Euro-Krisenstaaten werden wieder mit höheren Zinsen bestraft.

Es ist eine derart breite Abwärtsbewegung, dass sie an frühere Momente des bösen Erwachens erinnert. An 2008, als nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers plötzlich die Stabilität des Weltfinanzsystems insgesamt in Frage stand. Oder an 2001, als nach den Terrorakten vom 11. September die alte Weltordnung zerbrochen zu sein schien.

Zur Person
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Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.
Jedes Mal sahen die Akteure an den Finanzmärkten schlagartig die Welt in anderem Licht. Eine neue Realität war über sie gekommen, unerwartet und unerbittlich. Sie begannen, sich eine neue, eine düsterere Story zu erzählen - über den Zustand der Welt, über die Zukunftsaussichten von Unternehmen, Märkten, Staaten.

Ein Crash ohne offensichtlichen Auslöser

Dieses Mal ist der Weckruf nicht so eindeutig, dafür aber umso bersorgniserregender. Anders als bei früheren Crashs gibt es keinen offensichtlichen Auslöser. China und andere wichtige Schwellenländer kriseln schon länger. Die Eurozone steht seit Jahren auf rissigem Fundament. Die allmähliche Straffung der Geldpolitik in den USA ist schon seit zwei Jahren Thema.

Sicher, es gibt einige politische Großrisiken: Krieg in Syrien, Terror in der Türkei, Spannungen mit Russland, der mögliche Zerfall der EU im Zuge von Flüchtlingskrise und Brexit, ein möglicher Wahlsieg des unberechenbaren Donald Trump in den USA.

Aber all diese Problemherde schwelen entweder schon seit langem, oder sie sind eher entfernte Möglichkeiten als unmittelbare Gefahren.

Das derzeitige Börsenbeben hat andere Ursachen: Der Glaube an die allmächtigen Fähigkeiten staatlicher Wirtschaftspolitik schwindet.

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