Montag, 20. November 2017

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Weltklimakonferenz in Deutschland Wir sind viel zu pessimistisch

Schmelzende Eismassen: Es gibt billige, saubere Energie - und Anlass zur Hoffnung

Ab Montag tagt in Bonn die Weltklimakonferenz. Das wird sowieso nichts, glauben viele. Dabei gibt es eine Menge Anlass zu Hoffnung.

Vielleicht sind wir zu pessimistisch. Vielleicht werden die teils apokalyptischen Vorhersagen in einigen Jahrzehnten hinter der Menschheit liegen. Vielleicht lässt sich der Klimawandel doch noch soweit bremsen, dass sich seine katastrophalen Folgen in Grenzen halten. Vielleicht bleibt auch eine Überbevölkerungskrise aus. Das ist möglich, aber keineswegs sicher. Die Sache kann auch furchtbar schiefgehen.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Ab Montag wird die diesjährige Weltklimakonferenz in Bonn darum ringen, den Ausstoß an Treibhausgasen doch noch soweit zu bremsen, dass sich die Erwärmung der Atmosphäre auf ein erträgliches Maß eindämmen lässt. Klimadiplomaten werden um Formulierungen ringen, die die Beschlüsse des Pariser Klimagipfels von 2015 konkretisieren. Fachleute werden Szenarien debattieren, Aktivisten warnen und mahnen.

Ach ja, auch die USA werden mit am Tisch sitzen. Dabei hatte Donald Trump - der übrigens diese Woche Asien unsicher macht (achten Sie insbesondere auf seine Rede in Seoul am Mittwoch) - im Sommer den Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen angekündigt. Aber so rasch kommt auch ein US-Präsident nicht aus bestehenden Verträgen raus.

Ein düsteres Szenario

Das Hintergrunddonnern dieses Großevents bilden die Zahlen der Experten. Aller Gipfel und Versprechen zum Trotz, entlässt die Menschheit inzwischen rund 50 Prozent mehr Treibhausgase in die Atmosphäre als 1990. Die Konzentration dieser Gase in der Atmosphäre nimmt ungebremst zu, wie die Weltorganisation für Meteorologie ermittelt hat. Geht es so weiter, könne die mittlere Temperatur auf der Erde bis zum Ende dieses Jahrhunderts um vier Grad steigen, sagt der Weltklimarat (IPCC) vorher. Und die Bevölkerungsforscher der Uno halten es inzwischen für wahrscheinlich, dass die Menschheit bis 2100 weiterwächst; die Frage ist nur, wie schnell.

Unter dem Strich ergibt sich das düstere Szenario einer übernutzten und überbevölkerten Erde. Es lässt sich leicht ausmalen, welche Verteilungskonflikte - innerhalb von Gesellschaften und zwischen ihnen - daraus resultieren.

Aber, wie gesagt, womöglich sind wir derzeit zu pessimistisch. Immerhin gibt es einigen Anlass zur Hoffnung.

Das ist neu: billige, saubere Energie

Erneuerbare Energien werden rapide wettbewerbsfähig. Die Wirkungsgrade von Solar- und Windkraft sind in den vergangenen Jahren in zuvor unerwartetem Maß gestiegen. Massenmobilität mit Elektroantrieb ist, dank der Fortschritte in der Akkutechnologie, inzwischen denkbar. Noch vor wenigen Jahren galt der globale Verkehrssektor als die Art der Energienutzung, die kaum je auf Öl und Gas verzichten könnte. Ein Befund, der angesichts der technologischen Fortschritte nicht mehr unverrückbar erscheint. (Mittwoch gibt's neue Zahlen zu den Zulassungen von Autos mit Alternativantrieb in der EU.)

Dazu kommt eine Eigenschaft der Erneuerbaren, die eine günstige Dynamik auslösen könnte: Einmal installiert, produzieren Windräder und Solarpanels Strom zu äußerst niedrigen Kosten. Anders als Öl, Kohle oder Gas, die bei jeder zusätzlichen Kilowattstunde in immer größerer Menge eingesetzt werden müssen, sind Wind und Sonnenlicht umsonst. Entsprechend billig ist der auf diese Weise produzierte Strom. Ein Effekt, der sich heute schon an der Leipziger Strombörse beobachten lässt, wo die Großhandelspreise zeitweise gegen Null fallen (was aber, so wie die deutsche Energiewende funktioniert, bei den Verbrauchern nicht ankommt).

Damit verändert sich die Logik der Energiepolitik fundamental. Der Einsatz von Erneuerbaren wird zum Wettbewerbsvorteil - das langfristige Festhalten an fossilen Energieträgern hingegen droht zum Wettbewerbsnachteil zu werden. Rational betrachtet, sollte der Umbau der Energieversorgung keine Frage von ökologischer Gesinnung mehr sein, sondern eine des wirtschaftlichen Eigeninteresses. Ein Umstand, der erklären hilft, warum viele Topmanager, Gouverneure und Bürgermeister in den USA an den Zielen des Pariser Klimaabkommens festhalten wollen, trotz Trumps Ausstiegsbeschluss.

Natürlich ist dieses Umsteuern nicht zum Nulltarif zu haben. Gängige Schätzungen gehen von einem globalen Investitionsvolumen in Höhe von etwa einer Billion US-Dollar jährlich aus. Gelder, die angesichts niedriger Zinsen und der intensiven Suche nach Anlagemöglichkeiten eigentlich mobilisierbar sein sollten. Es wird darauf ankommen, weltweit Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Investoren ermöglichen, trotz niedriger Absatzpreise für Strom auskömmliche Renditen zu erwirtschaften. Und zwar möglichst auch in Schwellen- und Entwicklungsländern, wo die Energieinfrastruktur noch im Entstehen begriffen ist. Und wo die Bevölkerungen teils nach wie vor stark wachsen.

Um auf einen halbwegs sicheren Pfad zu gelangen, müsste der Ausstoß an Treibhausgasen viel geringer sein als heute. Die Modelle der Klimaforscher kommen zu dem Ergebnis, dass die Emissionen bis 2050 um etwa zwei Drittel sinken müssten. Nur dann gäbe es eine faire Chance, den globalen Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen. Mit einer rasch steigenden Bevölkerungszahl wäre dieses Ziel vermutlich unerreichbar. Derzeit wächst die Kopfzahl auf dem Planeten jährlich um 83 Millionen Menschen: einmal Deutschland zusätzlich, Jahr für Jahr.

Aber womöglich sind wir derzeit auch an dieser Stelle zu pessimistisch.

Die UN-Forscher haben ein hoffnungsvolles Szenario durchgerechnet. Es ist durchaus möglich, dass die Menschheit um 2050 ihre maximale Größe erreicht. Die Zahl der Erdbewohner läge dann bei 8,8 Milliarden Menschen, 1,2 Milliarden mehr als heute. In den Jahrzehnten danach würde die Weltbevölkerung allmählich schrumpfen.

Nötig wäre ein Entwicklungssprung

Eine alternde Welt könnte friedlicher und wohlhabender sein als die heutige. Sie könnte sich gemeinsam daranmachen, die Biosphäre für kommende Jahrhunderte zu schützen und womöglich zu restaurieren.

Voraussetzung dafür wäre ein rascher Rückgang der Geburtenziffern. Bis zur Mitte des Jahrhunderts müsste die Fertilität im weltweiten Durchschnitt auf 1,8 Kinder pro Frau fallen, etwa heutiges europäisches Niveau. In Afrika südlich der Sahara, bislang die am schnellsten wachsende Weltgegend, dürften dann nur noch 2,6 Kinder pro Frau geboren werden; heute sind es 4,5.

Die Herausforderung ist enorm. Ein derart rascher Rückgang der Fertilität ist nach den bisherigen Erfahrungen nur möglich unter den Bedingungen einer verstädterten Welt, in der es funktionierende Bildungs- und effektive Sozialsysteme gibt, in der Frauen wirtschaftlich, sozial und rechtlich souverän sind. Nötig wäre ein Entwicklungssprung, der traditionell geprägte Gesellschaften binnen einer Generation in die Postmoderne katapultiert. Länder, in denen bislang allein die Familie Sicherheit verspricht und staatliche Institutionen nicht vorhanden oder nicht verlässlich sind, müssten sich in halbwegs geordnete Staatswesen verwandeln. Eine billige und sauberere Energieversorgung könnte zu dieser Wende zum Besseren einen wichtigen Beitrag leisten.

Aber dies ist sicher: Ohne verstärkte und verlässliche internationale Zusammenarbeit wird die Menschheit nicht mal in die Nähe dieses optimistischen Szenarios gelangen - so kleinteilig, kompliziert und manchmal absurd globale Konferenzen wie die in Bonn erscheinen mögen.

Wer glaubt, das wird sowieso nichts, und deshalb zum Zyniker wird, hat schon verloren.

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