Montag, 17. Dezember 2018

Machtwechsel in der Weltwirtschaft Wir müssen lernen, wie China denkt

Chinas Präsident und Machthaber Xi Jinping.

Utz Claassen
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    Utz Claassen, geboren am 7. Mai 1963 in Hannover, ist Topmanager, Unternehmensberater, Unternehmer, Investor, Wissenschaftler und Publizist. Er war unter anderem Vorsitzender des Vorstandes der EnBW Energie Baden-Württemberg AG, Sartorius AG und Solar Millennium AG und ist Gründer, Mehrheitsaktionär und Vorsitzender des Aufsichtsrates der Syntellix AG, Mitgründer und Anteilseigner der Rulebreaker Management GmbH sowie Senior Advisor der Cerberus European Investments LLC, New York/USA.

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Briten. Das lässt sich nicht nur in London an vielen Orten stets erahnen, sondern auch in Delhi und Singapur noch immer unmittelbar erspüren. In dem Tiger-Stadtstaat, der ja wörtlich übersetzt eigentlich "Löwenstadt" heißt, zeugen nicht nur der Collyer Quay und die fast allgegenwärtige Präsenz von Sir Stanley Raffles, sondern auch die offizielle Staatssprache von der ruhmreichen Vergangenheit des Vereinigten Königreichs - wenngleich Englisch in den Tropen Asiens inzwischen in "Singlisch" abgewandelt wurde. Besondere Wortschöpfungen wie das "Handphone" oder auch die sympathische Antwortkurzform "Yes, can" belegen den Einfluss des kulturellen Umfeldes auf die Evolution der Sprache.

Das 20. Jahrhundert hätte vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Exzellenz, der ingenieursseitigen Kompetenz und der industriellen Potenz eigentlich das Jahrhundert der Deutschen werden können, vielleicht sogar müssen. Doch angesichts zweier globaler Katastrophen, die in einem Falle mittelbar und im anderen noch wesentlich schlimmeren Falle unmittelbar von deutschem Boden ausgingen, wurde es schlussendlich das Jahrhundert der Amerikaner.

Das 21. Jahrhundert indes wird weder von Europa noch von auf europäischen Traditionen basierenden amerikanischen Werten und Vorstellungen vorrangig geprägt werden. Es wird vielmehr das Jahrhundert Asiens mit der aller Voraussicht nach unangefochtenen Führungsmacht China - so wie jedes weitere in der halbwegs überschaubaren Zukunft folgende Jahrhundert vermutlich auch.

Wäre ich Chinese, würde ich die Welt der Wirtschaft ganz klar und einfach beschreiben. Ich würde nämlich sagen: "Allein schon wegen unserer ganz besonderen Bevölkerungsstärke, aber umso mehr noch vor dem Hintergrund unseres Erfindungsgeistes, unserer harten Arbeit und unseres besonderen wirtschaftlichen Erwerbsinteresses sind wir im Grunde von jeher die führende globale Wirtschaftsmacht gewesen. Lediglich während eines Wimpernschlages der Erdgeschichte von etwa 500 Jahren sind die Dinge einmal atypisch und etwas weniger günstig für uns gelaufen, sodass wir vor dem Hintergrund von Problemen mit Opium-Input und Wirtschafts-Output unsere naturgegebene Rolle einmal an Engländer und Amerikaner verliehen und auch den Franzosen in Saigon, den Portugiesen in Malakka, den Spaniern in Manila oder den Holländern in Batavia ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten überließen. Aber jetzt holen wir uns unsere uns gebührende Rolle als größte Volkswirtschaft des Planeten zurück, zwar zügig und konsequent."

Und genau letzteres tut die chinesische Führung. Nicht mehr und nicht weniger. Anders als unsere Politik, die sich von Gemengelage zu Gemengelage hangelt und stets bemüht ist, jede Welle des vermeintlich Populären hemmungslos abzureiten, haben die Verantwortlichen in Peking dabei einen Plan, und zwar einen, der - ungeachtet seiner etwaigen moralisch-gesellschaftlichen Bewertung durch uns oder Andere - zugleich sehr langfristig, sehr strategisch und sehr nachhaltig ist. Und der nicht etwa in Talkshows zerredet, sondern mit höchster Präzision und Stringenz konsequent umgesetzt wird. Tag für Tag. Einen Plan, der von geostrategischer Dimension ist und die ohnehin schon im vollen Gange befindliche dritte industrielle Revolution noch weiter beschleunigen wird.

Während hierzulande die Frauenquote eines der von der Politik meistdiskutierten Wirtschaftsthemen ist, konzentriert sich das ökonomische Denken der chinesischen Führung auf die Ressourcen Afrikas. Dort, wo wir die regionale oder nationale PKW-Maut zum Wahlkampfthema bis hin zur spontanen Kanzlerin-Lüge machen, befasst sich die chinesische wahrlich globale Verkehrspolitik lieber mit weltweiten Hafeninfrastrukturen. Und zeitgleich mit einer Legislaturperiode, in der bei uns die Ehe für alle als größte parteiübergreifend erreichte Errungenschaft gefeiert wird, besteht in China übergreifender Konsens dahingehend, dass eine neue Seidenstraße nicht nur eine kühne Vision bleiben darf, sondern unmittelbar in die Realität umzusetzen ist.

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