Mittwoch, 19. September 2018

VW-Vorstand pocht auf Boni Der Realitätsverlust der Wolfsburger ist komplett

Der VW-Vorstand ringt um die Frage, wie hoch die eigenen Bonuszahlungen ausfallen sollen. Dieser Konzern hat wahrlich keine anderen Sorgen. Es flattern ja nur wöchentlich neue Milliardenklagen wegen des Abgaswerteskandals herein und es fehlt auch bloß an einer technischen Lösung für den Rückruf des Passats. Ach ja, und ein paar Unstimmigkeiten mit den US-Behörden gibt es auch noch. Und sonst? Eine Hauptversammlung muss vorbereitet werden. Natürlich ist das aus Sicht des VW-Vorstands alles Kleinkram im Vergleich zu der Frage, was am Ende auf den eigenen Konten landen wird.

Heiner Thorborg
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    Michael Dannenmann
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co KGaA (Frankfurt), die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".
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Ich bin schon länger im Geschäft und habe durchaus einige Führungskräfte mit eskalierenden Ego-Problemen erleben dürfen, aber die Vorgänge bei Volkswagen Börsen-Chart zeigen erstaunen sogar mich. In Wolfsburg geht es zu wie im alten Rom - das Imperium zerfällt und die Senatoren laben sich an Biberpfoten auf Vogelzungensalat und lauschen der Schalmei.

Nun gibt es Leute, die zitieren das Vorstandsvergütungsgesetz. Vertragstreue sei die Grundlage des Abendlandes: Pacta sunt servanda. Und wenn der Bonus im Vertrag steht, dann muss er auch bezahlt werden. Anderen Mitarbeitern werde das Gehalt ja auch nicht zusammengestrichen nur weil es dem Unternehmen gerade schlecht geht. Basta. Zwar könne der Aufsichtsrat die Vorstandsvergütung einseitig kürzen, wenn sie nicht mehr angemessen sei, doch dies sei juristisch komplex und würde zu Gerichtsverfahren führen, die der Konzern nun aber gar nicht gebrauchen könne.

Andere wiederum argumentieren, dass die Mehrheit des Vorstandes ja noch gar nicht lange im VW-Steuerstand stehe und daher auch nicht für die Fehler der Vorgänger verantwortlich gemacht werden könne. Das allerdings stimmt so nur halb, denn der neue VW-Boss Matthias Müller beispielsweise saß zuvor als Chef der Tochtergesellschaft Porsche Börsen-Chart zeigen auch im Konzernvorstand in Wolfsburg. Und Einkaufschef Francisco Javier Garcia Sanz, Audi-Chef Rupert Stadler und China-Vorstand Jochem Heinzmann sind auch alle noch da. Knapp die Hälfte der Führungsriege ist also keineswegs "neu".

Den juristischen Argumenten der Boni-Fraktion lässt sich im Übrigen entgegenhalten: Laut Aktiengesetz haftet ein Vorstand gesamtverantwortlich. Wer sich derzeit auf VW einlässt, hat also den kompletten Schlamassel mit am Hals. Außerdem besagt das in diesem Zusammenhang viel zitierte Vorstandsvergütungsgesetz auch, dass die Bezahlung von Vorständen börsennotierter Gesellschaften an langfristigen Zielen und Nachhaltigkeit auszurichten sei. Klagen gegen das eigene Haus in Höhe von potenziell 80 Milliarden Euro sind in der Tat "nachhaltig" - aber anders, als das Gesetz es vorsieht.

Kurz und gut: Diese Bonusdiskussion ist so lächerlich, dass sich beim Beobachter schweres Fremdschämen einstellt. Hätte VW eine halbwegs belastbare Unternehmenskultur, würden solche Gespräche nicht stattfinden. Schlimmer noch erscheint der Mangel an Realitätssinn: Wer in einer solchen Krise als Topführungskraft keinen freiwilligen Bonusverzicht leistet, signalisiert Mitarbeitern, Zulieferern, Kapitalgebern, Regulierern und Staatsanwälten, dass er jegliche Bodenhaftung verloren hat. Von Themen wie Anstand oder Moralgefühl mal ganz zu schweigen.

Aus meiner Sicht müsste der VW-Aufsichtsrat - dessen vornehmste Aufgabe es schließlich ist, das Top-Personal zu bestellen und seine Vergütung zu überwachen - jedem Vorstand auf die Finger zu klopfen, der das Wort Bonus auch nur auszusprechen wagt. Schließlich haftet der Aufsichtsrat für unangemessene Vorstandsvergütung und zwar persönlich. Sollte sich im Nachhinein herausstellen, dass die Bonuszahlungen im Hinblick auf die Situation in Wolfsburg völlig abwegig waren, werden nämlich nicht zuletzt die Aktionärsvertreter das Kontrollorgan auf Schadensersatz verklagen.

Letzten Endes sind die legalen Spitzfindigkeiten jedoch gegenstandslos, wenn Aufsichtsrat und Vorstand eines Konzerns sowohl im Betrieb als auch in der Öffentlichkeit und an den Finanzmärkten den letzten Rest von Vertrauen in ihre Führungsqualität verspielen. Und VW tut gerade wirklich alles, um sich am selbst angerichteten Scherbenhaufen blutige Finger zu holen.

Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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