Sonntag, 26. März 2017

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Unschöne neue Arbeitswelt (3) Bürodesign: Warum moderne Großraumbüros der Horror sind

Office Design ist aus organisationswissenschaftlicher Sicht eher verheerend als modern

Schicke Büroarchitekturen, Open-Space-Großräume, keine festen Schreibtische für Mitarbeiter mehr: Die moderne Arbeitswelt verspricht mehr Agilität, mehr Kreativität und weniger Kosten. Und das alles angeblich im Interesse der Beschäftigten. Die haben jedoch häufig ganz andere Wünsche - die aus Sicht der Organisationsforschung auch viel sinnvoller wären.

"Mimikry" steht für das Nachmachen von als erfolgswirksam angesehenen Gestaltungsmustern. "Lemminge" ist ein Ausdruck für unkritisches Nachfolgen. Beides spiegelt sich aktuell wider in den verlockenden Ideen, wie wir in unserer schönen neuen Arbeitswelt arbeiten sollen: offen, transparent, flexibel, dynamisch, kommunikativ, kreativ, kollaborativ und vor allem unglaublich erfolgreich.

Ob im Neubau von Adidas Börsen-Chart zeigen in Herzogenaurach oder bei Axel Springer Börsen-Chart zeigen in Berlin: Überall findet sich räumliche Großzügigkeit gepaart mit architektonischer Brillanz. Das, was man in modernen Klassikern wie dem Unilever-Haus in Hamburg sieht, dringt mit immer individuelleren Entwürfen in immer neue architektonische Höhen -irgendwo zwischen dem Pekinger Olympiastadion und dem neuen Apple Campus.

Christian Scholz
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    Christian Scholz
    Christian Scholz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. Sein zentraler Tätigkeitsbereich ist die Erforschung der Arbeitswelt: vom Personalmanagement bis zur Digitalisierungsstrategie. 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch zur Generation Z.

Meist geht diese tatsächlich schön anzusehende Architektur einher mit einer neuen Form der Innenarchitektur, die ebenfalls oft umwerfend aussieht. Hier im Inneren, im Office Design, beginnt allerdings eine unschöne neue Arbeitswelt, die viele Unternehmen in stets wiederkehrender Form glauben schaffen zu müssen. Sie orientieren sich dabei an ewig gleichen Grundmustern - die aus organisationswissenschaftlicher Sicht eher verheerend als modern sind.

Der Abbau von Schreibtischen ist ein Fehler

Am Anfang steht die Reduktion von Schreibtischen. Sei es Lufthansa Börsen-Chart zeigen, Commerzbank Börsen-Chart zeigen oder einer der unzähligen anderen Nachahmungstäter: Pro Mitarbeiter gibt es weniger als einen Schreibtisch. Egal ob das Verhältnis bei 1:2 oder 1:4 liegt, allmorgendlich startet die Reise nach Jerusalem, bei der sich jeder einen freien Schreibtisch suchen muss. Dank Urlaub, Krankheit und externer Termine geht die Rechnung auch meist auf. Trotzdem: In dieser Vision des Büros der Zukunft besitzen Mitarbeiter keine eigenen Schreibtische mehr, Schränke dank papierlosem Office sowieso nicht, wenn überhaupt gibt es einen persönlichen Rollcontainer.

Zur Kommunikation begibt man sich in elektronisch buchbare Besprechungsräume (Bushaltestellen), die einzig verbleibenden Räume mit eigenen Wänden und Türen. In kleiner Form (Telefonzelle) gibt es noch die Single-Besprechungsräume als letztes semi-privates Refugium, in dem man umgeben von Glaswänden einigermaßen ungestört skypen kann.

Und schließlich ist alles komplett variabel: Die gesamte Struktur der Zusammenarbeit richtet sich am Arbeitsfluss aus und ändert sich dynamisch-flexibel permanent. In dieser schönen Neuen Arbeitswelt der kompromisslosen Offenheit soll es zu permanenter Interaktion, explosionsartiger Innovation und spontaner Selbstorganisation kommen. Die Arbeitswelt wird also agil, smart und auch sonst absolut hip. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Was wirklich hinter der neuen Büroideologie steckt

Hinter dem, was ich einmal vereinfacht als Open Office bezeichne, stecken ganz klare Kosten- und Nutzenziele. An oberster Stelle: Es werden weniger Quadratmeter Bürofläche und weniger Möbel gebraucht. Sicher ist das Abschaffen von Schreibtischen bei Beratern und Außendienstmitarbeitern sinnvoll. Aber sonst? Rückt hier nicht eine falsch berechnete Wirtschaftlichkeit als zentraler Unternehmenswert immer mehr in den Mittelpunkt? Und noch ein Aspekt wird gern verheimlicht: Die architektonische Transparenz eröffnet weitreichende Kontrollmöglichkeiten für Kollegen und Führungskräfte. Nicht nur der Chef wird zum Aufseher in dieser gläsernen Transparenz, sondern gleichermaßen die Kollegen und bei Führungskräften - gelobt sei das 360-Grad-Feedback mit anonymen Bewertungen - auch die eigenen Mitarbeiter. Jetzt bekommt jeder mit, was jeder andere gerade tut, und jeder weiß, dass es jeder andere mitbekommt. Fremd- und Selbstkontrolle plus technologische Kontrolle durch die IT-Systeme legen hier den Grundstein für etwas, das leicht in eine pathologische Kontrollkultur ausarten kann.

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