Donnerstag, 16. August 2018

Unschöne neue Arbeitswelt (3) Bürodesign: Warum moderne Großraumbüros der Horror sind

Office Design ist aus organisationswissenschaftlicher Sicht eher verheerend als modern

3. Teil: Generation Biedermeier

Sicherlich kann man diese Wünsche der jungen Generation als biedermeierlich oder ikeagleich abtun. Nur sollte man berücksichtigen, dass gerade die als spießbürgerlich abqualifizierte Epoche in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht nur die bürgerliche Kultur und das Glück in den eigenen vier Wänden ausdrückte, sondern auch politische Veränderung. In der Architektur wird Biedermeier mit den Attributen elegant, schlicht und behaglich verbunden - und passt damit perfekt zur Generation Z.

Menschen sind Lebewesen, die ein eigenes Territorium brauchen. Das gilt auch für Mitarbeiter in Unternehmen, für die das Fehlen des eigenen Schreibtisches auch eine traurige symbolische Bedeutung hat: "Ich bin dem Unternehmen nicht mal einen eigenen Schreibtisch wert." Unbewusst entsteht eine bedrohliche Nähe zwischen dem Verschwinden des eigenen Schreibtischs und dem Verschwinden des eigenen Arbeitsplatzes. Und wer möchte schon gern täglich mit einem solchen Gefühl zur Arbeit gehen? Sicherlich gibt es in manchen Punkten weiteren Forschungsbedarf: So existieren auch Studien, wonach vor allem jüngere Mitarbeiter ein Office Without Walls wollen. Das widerspricht jedoch Befragungen, die - zugegebener Weise nicht repräsentativ für aktive Mitarbeiter - der Verfasser dieses Beitrages bei Studierenden durchgeführt hat. Und es widerspricht ganz klar dem, was wir inzwischen über die Generation Z und ihre Wünsche an eine liebens- und lebenswerte Arbeitswelt wissen.

So sollte ein ideales Büro aussehen

Unternehmen könnten natürlich weiterhin den Traum der wunderschönen offenen Bürolandschaften mit grenzenloser Kommunikation und einer angeblich so beeindruckenden Kostenkalkulation träumen. Dann haben sie aber bald nicht nur keine Schreibtische, sondern auch keine Mitarbeiter mehr. Eine moderne Büroarbeitswelt braucht überschaubare und klar strukturierte Einheiten ohne reguläres Layout. Neben kleineren Teambüros sollte es innovative Kommunikationsräume geben, beschreibbare Wände und Möglichkeiten zur Individualisierung. Trotz eigener Schreibtische kann es zu einem Activity-Based-Arbeiten kommen, bei dem durchaus Arbeitsabläufe aufgaben- und projektbezogen gestaltet werden; allerdings liegt die Gestaltungshoheit bei den Mitarbeitern selbst. Außerdem wollen und brauchen Mitarbeiter aus allen Generationen funktionierende und einfache Informationstechnologien. Diese sind in vielen Unternehmen aber nicht vorhanden. Es gibt in der real existierenden Unternehmenswelt groteske Situationen, in denen Digital Natives zwar in einem modernen, großen Großraumbüro arbeiten, aber am Arbeitsplatz keinen Zugang zu Social Media haben und auf ihr privates Smartphone zurückgreifen müssen.

Selbst einfache Gestaltungsmöglichkeiten wie variable Wände erlauben es den Mitarbeitern, je nach Interessenlage, kleine Büros oder Teambüros zu konzipieren. Ganz wichtig: Im Interesse eines kreativen Umfeldes sind Clean-Desk-Policies ein absolutes No-Go. Einiges von dem, was sich Architekten für moderne Neubauten ausdenken, lässt sich genauso ohne groteske und menschenunwürdige Auswüchse realisieren. Bei einigen Ideen allerdings sollte umgedacht werden: Denn auch in unserer digitalen Welt sollten Gebäude nicht nur wegen des ästhetischen Charmes, sondern primär für Menschen und aufgrund ihrer Funktionalität gebaut werden.

Gerade weil gegenwärtig nahezu alle Unternehmen wie Lemminge den architektonischen Konzepten von Adidas bis Unilever Börsen-Chart zeigen nachlaufen, gibt es eine strategische Chance, durch ein alternativ-innovatives Bürodesign als Arbeitgeber bei Mitarbeitern aller Generationen zu punkten.

Unschöne neue Arbeitswelt (1): Der Irrtum vom Work-Life-Blending
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Christian Scholz ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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