Dienstag, 22. Mai 2018

Unschöne neue Arbeitswelt (3) Bürodesign: Warum moderne Großraumbüros der Horror sind

Office Design ist aus organisationswissenschaftlicher Sicht eher verheerend als modern

2. Teil: Orwellsches System totaler Kontrolle

Es ist paradox: In den Reden über die Neue Arbeitswelt wird unter Applaus über Demokratie, Kommunikation auf Augenhöhe und individuelle Selbstentfaltung gesprochen. Gleichzeitig wird damit ein darwinistisch-orwellsches System mit totaler Kontrolle propagiert. Hinzu kommt die brutale Ent-Individualisierung: Das persönliche Territorium, früher symbolisiert durch den eigenen Schreibtisch mit Gummibaum, soll verschwinden. Wer glaubt, seinen Rollcontainer mehrmals an die gleiche Stelle rollen oder gar den Schreibtisch durch ein Blatt Papier für den nächsten Tag reservieren zu dürfen, findet am Morgen ein Warndreieck mit der Aufschrift "Camping verboten" vor.

Die einzige Verheißung dieser neuen Arbeitswelt, die tatsächlich Wirklichkeit wird, ist der disruptive Wandel. Dieser tritt immer mehr zutage - aber nur selten auf Wunsch und noch seltener zum Wohle der Mitarbeiter. Zudem muss aus wissenschaftlicher Sicht massiv bezweifelt werden, ob wirklich alle Unternehmen diesen permanenten Wandel brauchen und tatsächlich neue Ideen im Stundentakt generiert werden sollen. Auch wenn puristische Architekturkonzepte modern und preisgekrönt sind, lösen manche Entwürfe bei Betroffenen eher negative Assoziationen wie Bunker, Fabrikhalle oder Gefängnis aus. Anderes erinnert an die Arbeitsstätten der Näherinnen in Bangladesch, an gläserne Tiefkühlschränke oder Massentierhaltung. Entsprechend verbringen die Mitarbeiter viel Zeit mit der Entwicklung von Abwehrstrategien. Die einfachste kennt jeder Tourist vom Pool des Hotels auf Mallorca: Man kommt früh und blockiert mit dem Handtuch schon mal seinen Platz. Im Büro werden Schreibtische durchgebucht. Die gewünschte Kreativität fließt - statt Wert für das Unternehmen zu schaffen - ins Erfinden immer neuer Umgehungshilfen ("Hacks"), um die negativen Effekte des Open Space abzumildern.

Für einige Entwicklungen gibt es keine Abwehrstrategien: die extreme und offenkundige Geräuschbelästigung, die permanente Ablenkung im Sichtbereich und Diskussionen wie "Fenster auf - Fenster zu" oder "Raumtemperatur runter - Raumtemperatur rauf".

Spätestens jetzt müsste klar sein: Die Kostenersparnis durch Einsparung an Quadratmetern steht in keiner Relation zur Reduktion der Leistungsfähigkeit und Motivation der Mitarbeiter. Und wenn sich daraufhin Mitarbeiter krank melden oder High Potentials kündigen, weil sie in derartigen Strukturen einfach nicht arbeiten können oder wollen, sollten Unternehmen hellhörig werden.

Von wegen mitarbeiterfreundlich

Den stolzen Umschwung auf Open-Office-Konzepte begründen die Unternehmen meist damit, dass sie auf expliziten Wunsch und im Interesse ihrer Mitarbeiter handeln. Moderne Mitarbeiter wollen anscheinend genau so arbeiten.

Dies mag für Mitarbeiter aus der sogenannten Generation Y (geboren überwiegend in den 1980er Jahren) sogar teilweise zutreffen: Diese Generation gilt als extrem leistungsorientiert und kommunikativ, arbeitet bei schönem Wetter im Straßencafé oder zu Hause im Garten und steht dafür dem Unternehmen auch am Wochenende zur Verfügung. Hier gilt die Devise: Mitarbeiter können arbeiten wann sie wollen, wo sie wollen und wie sie wollen - solange sie die Arbeit erledigen, zur Not auch am Abend oder Wochenende. Die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verwischen hier ebenso wie Strukturen und Grenzen im Unternehmen. Die Folgen dieses Work-Life-Blending habe ich im ersten Teil dieser Serie beschrieben. Der Traum vom Open Office scheint also zu den Arbeitsgewohnheiten der Generation Y zu passen - wobei man auch dieser These noch nachgehen sollte. Es wird aber definitiv ein böses Erwachen für Unternehmen geben, wenn sie potenziellen Mitarbeitern aus der sogenannten Generation Z ihre innovativen Bürokonzepte präsentieren. Die Mitglieder der Generation Z sind mehrheitlich nach 1990 geboren und wollen in keinem Open Office arbeiten. Sie lieben klare Strukturen und Ordnung sowie eine überschaubare Konstanz. Sich wohlzufühlen, ist für Vertreter der Generation Z die Bedingung für Leistung. Deshalb möchten sie ihr Büro selbst gestalten. Der Enactus-Studie zufolge würden 64 Prozent der Generation Z am liebsten in einem kleinen Team im eigenen kleinen Büro arbeiten. Die Generation Z will eine behagliche Zweitwohnung. Sie will einen eigenen, frei gestaltbaren Bereich, einen eigenen Schreibtisch mit Bild von Freund oder Freundin, vielleicht sogar Zimmerpflanzen. Die Generation Z will in keinem Großraumbüro arbeiten, auch wenn es sich innovativ Open Office nennt. Sie will im übrigen - anders als die Generation Y - auch nicht zu Hause oder im Kaffeehaus arbeiten.

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