Dienstag, 21. November 2017

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Deutsche Unternehmen im Visier ausländischer Firmenjäger Wie ein Vetorecht deutsche Firmen schützen kann - und wo die Gefahren liegen

Kuka: Der Roboterspezialist wurde von chinesischen Investoren übernommen
KUKA Roboter
Kuka: Der Roboterspezialist wurde von chinesischen Investoren übernommen

Bedrohen Firmenjäger aus dem Ausland die Zukunft des Standorts Deutschland? Ein Vetorecht könnte deutsche Hochtechnologie schützen - doch ein solches Eingriffsinstrument sollte mit Bedacht eingesetzt werden, meinen die M&A Experten Volker Balda und Dirk Nawe.

mm.de: Nicht nur die deutsche Kanzlerin sieht Gefahren für deutsche Schlüsselindustrien wie die Automobilindustrie. Ist die Bedrohung für die Zukunft des Standorts durch Übernahmen aus dem Ausland real?

Dirk Nawe: Ja und nein. Übernahmen führen sicherlich dazu, dass technologisches Wissen an den Käufer weitergegeben wird. Dies gilt aber auch, wenn deutsche Unternehmen im Ausland einkaufen. Hier setzt die deutsche Wirtschaft natürlich auch auf offene Märkte. Es reicht zudem nicht, die Technologien lediglich zu besitzen. Man muss sie auch anwenden und weiterentwickeln können. Eine chinesische Fabrik mit Robotern auszustatten, die niemand bedienen kann, führt nicht zwangsläufig zu einer Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit oder Marktposition Chinas. Davon losgelöst muss Deutschland seine Kompetenzen in der Robotik, im Maschinenbau und anderen hochtechnologischen Industrien stets weiterentwickeln, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.

mm.de: Warum ist die Angst insbesondere vor Firmenjägern aus China so groß?

Volker Balda: Die Sachlage zeigt noch ein übergeordnetes geostrategisches Element, denn bei China handelt es sich um eine sogenannte gelenkte Volkswirtschaft. China hat zum Ziel, seine Volkswirtschaft in bestimmten Industrien zu einer weltweit führenden Wirtschaftsnation zu entwickeln. Hierzu gehören die Informationstechnologie, computergesteuerte Maschinen und Industrieroboter - also Stichwort: Industrie 4.0 - sowie auch Medizintechnik oder Hochtechnologie im Schienen- und Seeverkehr. Dass deutsche Unternehmen hier im Fokus von Firmenjägern aus China stehen, ist nicht von der Hand zu weisen.

mm.de: Ein Vetorecht bei Übernahmeofferten aus dem Ausland klingt nach einer einfachen Lösung. Wo liegen die Vorteile, wo die Gefahren einer solchen "Schutzmaßnahme"?

Nawe: Fakt ist: Mit dem überarbeiteten Vetorecht existiert zunächst einmal eine in weiten Teilen klar reglementierte Eingriffsmöglichkeit - vor allem dort, wo es um sicherheitsrelevante und sogenannte kritische Industrien geht. Damit einher geht auch die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen und beispielsweise umfassend auszuloten, ob der vermeintliche Käufer auch der tatsächliche Erwerber ist.

Allerdings gibt es natürlich auch Nachteile. So ist ein staatliches Vetorecht ohne Frage eine Einschränkung der Vertragsfreiheit und des Eigentumsrechts. Außerdem könnten bestimmte positive Impulse für die deutsche Volkswirtschaft verloren gehen, die mit den Investitionen aus China verbunden sind. Bei einer Vielzahl von chinesischen Investitionen wurde großzügig in die deutschen Standorte investiert und damit wurden Arbeitsplätze gesichert, Anlagen ausgebaut und Forschungsprojekte unterstützt.

mm.de: Sonst gibt es keine Nachteile?

Nawe: Problematisch ist auch die teilweise schwammige Einteilung in kritische und unkritische Industrien. Sie ist nicht trennscharf und könnte daher von subjektiven Interpretationen anstelle objektiver Kriterien abhängig gemacht werden. Das ist besonders problematisch bei Industrien, die ihre Produkte in vielen verschiedenen Branchen verkaufen - Software, etwa.

Balda: Ein weiteres Problem ist die Dauer des Prozesses. Transaktionssicherheit ist für einen Veräußerer ein wesentliches Kriterium. Die Zeit, die der Analyseprozess bezüglich des Vetorechts braucht, könnte im Extremfall die Transaktionen gefährden. Das wäre ein deutlicher Nachteil für ausländische Investoren, insbesondere aus China.

mm.de: Wie müsste ein Vetorecht ausgestaltet sein? Gibt es Alternativen zu einer solchen Maßnahme?

Balda: Das Vetorecht sollte so ausgestaltet sein, dass es Transaktionsprozesse planbar macht. Denn wie oben schon beschrieben, erlauben die neuen Regelungen grundsätzlich eine nur schwer kalkulierbare Verlängerung der Prüfung. Wie das Bundeswirtschaftsministerium hiermit in der Praxis umgeht und ob sich eine verlässliche und kalkulierbare Prüfungspraxis etablieren wird, wird sich zeigen.

mm.de: Kann Deutschland einen Alleingang starten, ohne Abstimmung mit der EU?

Nawe: Die Wirtschaft hätte ein Mitsprachrecht bei der Gestaltung gewünscht. Möglich wäre im Interesse des Investitionsstandortes Deutschland etwa eine gemeinsame Sprachregelung auf europäischer Ebene, wo aktuell auch über schärfere Regelungen nachgedacht wird. Außerdem ist insbesondere mit Blick auf Software- und IT-Unternehmen eine möglichst klare Abgrenzung zwischen kritischen und unkritischen Industrien wünschenswert.

Die Interviewpartner:

Dirk Nawe ist Partner Deal Advisory und Länderspezialist für China bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Er berät Mandanten aus der Industrie sowie Finanzinvestoren beim Erwerb oder Verkauf von Unternehmen und Unternehmensbeteiligungen. Zu seinen Spezialgebieten zählt die Financial Due Dilligence, Vendor Assistance und Unterstützung bei Kaufvertragsgestaltungen sowie Transaktionsmanagement

Volker Balda ist Leiter der M&A Praxis von KPMG Law. Er berät strategische Investoren und Finanzinvestoren aus dem In- und Ausland umfassend bei (grenzüberschreitenden) Unternehmenskäufen und -verkäufen, Joint Ventures und allen sonstigen Formen von M&A-Transaktionen.

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