Donnerstag, 17. August 2017

Sexismus bei Uber, Auszeit für Kalanick Die Bad Boy Kultur sitzt tief

Uber-Chef Travis Kalanick

Sexismus, Diskriminierung, Mobbing: Nach einem verheerenden Bericht über das interne Arbeitsklima will sich Uber reformieren. Chef Kalanick nimmt eine "Auszeit" - doch die "Bad Boy"-Kultur sitzt tief.

Arianna Huffington trat auf die Bühne. Sie war nicht als Publizistin da, ihr üblicher Titel, sondern als Aufsichtsrat. Flankiert von mehreren Vorstandskollegen sprach sie zuerst offen aus, worüber alle im Saal tuschelten: "Wo ist Travis?"

Travis Kalanick, der Gründungschef des skandalträchtigen US-Fahrdienstvermittlers Uber, hatte sich nur Minuten vor der Belegschaftsversammlung abgemeldet - per E-Mail. Er müsse mal "eine Weile freinehmen",schrieb er an die rund 12.000 Uber-Mitarbeiter, "um nachzudenken, an mir selbst zu arbeiten" und der Boss zu werden, "den diese Firma verdient". Wie lange das dauern soll, verriet er nicht, verabschiedete sich aber mit den Worten: "Bis bald, Travis."

So bald dürfte das aber nicht sein. Kalanicks Auszeit war natürlich keineswegs freiwillig, und nicht nur bei Uber versteht sie jeder als Abschied auf Raten. Denn auch in der coolen Tech-Branche gilt: Der Fisch stinkt vom Kopf.

"Uber ist sein Leben", sagte Huffington über Kalanick, bevor sie die Angestellten in der Firmenzentrale in San Francisco über die weiteren, nicht minder dramatischen Entwicklungen informierte. "Er hat die volle Verantwortung übernommen." Trotzdem bleibt erst mal offen, ob der einstweilige Abschied des Wunderkinds tatsächlich der Höhepunkt - und Wendepunkt - der schwersten Krise seit Gründung des Unternehmens 2009 darstellt.

Struktur und Managementstil sollen komplett umgekrempelt werden

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Bild: Getty Images for Vanity Fair

Seit Monaten überschlagen sich die Skandale. Sexismus, Diskriminierung, Mobbing, Pöbeleien, Suff, Managementversagen, mutmaßliche Firmenspionage - schlimme Schlagzeilen für einen Konzern, der das Leben verbessern will.

Am Wochenende kam der Siedepunkt: Der Uber-Vorstand sichtete die Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchung, verfasst von Ex-Justizminister Eric Holder, über die Vorwürfe und das generelle Arbeitsklima. Der 13-seitige Bericht ist eine Anklage Kalanicks und seines "Bad Boy"-Charmes. Sein Abzug war nur konsequent.

Insgesamt 215 Beschwerden kamen im Lauf der Ermittlungen ans Licht.20 Mitarbeiter wurden bisher entlassen, das gesamte "A-Team" um Kalanick ist verwaist. Zuletzt ging am Montag Top-Manager Emil Michael, Kalanicks rechte Hand.

Uber und Kalanick, der den Konzern zu einem Marktwert von fast 70 Milliarden Dollar steuerte, sind eng miteinander verflochten. Sie teilen, wie sie hier gerne sagen, eine DNA - was gleichzeitig auch der Kern des Skandals ist. Zugleich symbolisiert er ein ungelöstes Problem im gesamten Silicon Valley, dessen Start-up-Kult bis heute hässlicher, oft frauenfeindlicher Verhaltensmuster huldigt.

Diese Verhaltensmuster erwähnt der Holder-Bericht zwar konkret nicht. Doch seine 47 Empfehlungen, die Ubers Struktur und Managementstil komplett umkrempeln sollen, sprechen Bände. Der Aufsichtsrat segnete sie geschlossen ab.

Darunter: ein unabhängiger Chairman, Diversitätsmaßnahmen, Sensibilitätstraining - und kein Sex zwischen Chefs und Untergebenen. Empfehlung Nummer eins: "Überprüfung und Umschichtung der Verantwortlichkeiten von Travis Kalanick." Ein noch zu findender Chief Operating Officer soll viele seiner Hauptaufgaben sowie alle Fragen der internen Kultur übernehmen.

Chauvinistischer Kalauer bei Belegschaftsversammlung

Diese interne Kultur war im Februar vollends zutage getreten. Susan Fowler, eine ehemalige Uber-Ingenieurin, beklagte sich in einem Blogeintrag, ihr Teamchef habe sie sexuell angemacht. Obwohl andere Frauen Ähnliches berichtet hätten, sei ihr danach sogar die Beförderung verweigert worden.

Fowlers Bericht, der die Holder-Kommission auslöste, war kaum der erste - oder letzte - Skandal. Hinzu kamen zahlreiche andere Affären. Google-Schwester Waymo, die an selbst fahrenden Autos bastelte, verklagte Uber wegen Ideenklaus. In drei US-Staaten ist Uber verboten oder verdrängt, weil es die Taxibranche killt oder Kunden abzockt. Eine interne Technologie, die Fahrern half, dort die Polizei zu vermeiden, musste Uber abschaffen, als die "New York Times" sie enthüllte. Der Hashtag #deleteUber machte die Runde.

Im Mittelpunkt stand stets Kalanick. Jetzt kam sein aggressiver Aufstieg ins Stocken. Dahinter steckt überdies eine private Tragödie. Kalanicks Mutter kam im Mai bei einem Bootsunfall ums Leben, am Freitag wurde sie beerdigt. Er brauche auch deshalb Zeit, schrieb Kalanick am Dienstag, "um zu trauern".

Wie weit Uber noch von einer neuen Ära entfernt ist, zeigte sich selbst bei der Belegschaftsversammlung am Dienstag. Als Huffington, die die Reformen mit forciert hat, eine stärkere Rolle von Frauen propagierte, unterbrach sie Vorstandskollege David Bonderman: Mehr Frauen, kalauerte er, führe nur zu "mehr Gerede". Wenig später nannte Bonderman seine Aussage "unangemessen", inzwischen trat er aus dem Verwaltungsrat zurück.

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