Mittwoch, 19. September 2018

Guido Kerkhoff will Anlagenbau-Sparte umkrempeln Interims-Thyssen-Chef - gekommen um zu bleiben?

Guido Kerkhoff: Er führt derzeit die Geschicke von Thyssenkrupp als Interimschef. Doch die Suche zieht und zieht sich hin. Derweil gibt sich Kerkhoff als Sanierer und setzt Akzente

Für Thyssenkrupp-Boss Guido Kerkhoff erhöht die sich hinziehende Chefsuche die Chancen auf einen dauerhaften Verbleib an der Spitze des kriselnden Konzerns. "Je länger die Suche dauert, desto mehr Zeit hat Kerkhoff, sich zu profilieren", sagt ein Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Mit dem angestrebten Umbau der Problemtochter Industrial Solutions versuche der 50-Jährige einen Befreiungsschlag.

Der Aufsichtsrat hatte den Finanzchef nach dem Rücktritt Heinrich Hiesingers im Juli an die Spitze befördert - als Interims-Lösung. "Ein Verbleib Kerkhoffs als Konzernchef wäre keine gute Lösung", warnte Union-Investment Fondsmanager Ingo Speich im Gespräch mit mit Reuters jedoch.

Das Handelsblatt hatte am Mittwochabend berichtet, dass Kerkhoff bei der Anlagenbautochter mit über 21.000 Beschäftigten durchgreifen will. Die Ablösung von Spartenchef Peter Feldhaus und Finanzchef Stefan Gesing werde vorbereitet. Nachfolger werde voraussichtlich Bereichsvorstand Marcel Fasswald. Dieser solle sich voll auf die Sanierung des Anlagenbaus konzentrieren. Das bisher zu dem Bereich gehörende Marinegeschäft mit dem U-Bootbau solle herausgelöst und an den Konzernvorstand angegliedert werden. An dem Rüstungsgeschäft hatten sowohl Rheinmetall als auch die französische Staatswerft Naval Group Interesse angemeldet. Thyssenkrupp wollte sich zu den Berichten nicht äußern.

Kerkhoff: Bei Industrial Solutions brauchen wir einen Turnaround

Industrial Solutions hatte in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2017/18 (per Ende September) einen operativen Verlust von über 200 Millionen Euro eingefahren. "Industrial Solutions ist aktuell unser Sorgenkind. Hier brauchen wir einen Turnaround - beim Marinegeschäft und insbesondere im Kernanlagenbau", hatte Kerkhoff intern als Parole ausgegeben. Bereits angekündigt hat der Konzern den Abbau von 2000 Arbeitsplätzen und Kostensenkungen im dreistelligen Millionenbereich.

Kerkhoff selbst hinterlässt seit Wochen nicht den Eindruck, als wolle er sich mit einer Rolle als Zwischenlösung begnügen. Schon wenige Tage nach seiner Ernennung sprach er in einem Brief an die Mitarbeiter Tacheles. "Die Forderung unserer Aktionäre nach einer Wertsteigerung ist berechtigt", hieß es in dem Reuters vorliegenden Schreiben. "Auch uns als Vorstand ist bewusst, dass wir unsere Rendite steigern müssen, um das Vertrauen des Kapitalmarkts in unser Unternehmen zu stärken - und wir wissen, dass wir das schaffen können", fügte er hinzu.

Kerkhoff gilt nicht als erste Wahl bei Cevian, Elliott und Union Investment

Ob Kerkhoff tatsächlich den Aufsichtsrat und die Investoren als Chef überzeugen kann, ist offen. Der US-Hedgefonds Elliott hatte sich öffentlich dafür ausgesprochen, dass seine Übergangszeit möglichst kurz sein solle. Großaktionär Cevian hatte den Kurs Hiesinger scharf kritisiert, den Kerkhoff als Finanzchef sieben Jahre lang unterstützt hatte.

Die Fondsgesellschaft Union Investment hält Kerkhoff auf dem Chefsessel daher nicht für die richtige Antwort auf die Krise des Tradtionskonzerns. "Es wäre insbesondere als Signal an den Kapitalmarkt wichtig, einen Chef von außen zu haben", sagte Fondsmanager Speich. Union Investment habe nichts gegen Kerkhoff. "Er kennt das Unternehmen sehr gut. Er könnte als COO einem neuen Chef zur Seite stehen. Dieser könnte sich dann voll auf die Strategie konzentrieren."

Ohne neuen Aufsichtsratschef keinen neuen Konzernchef

Bis ein neuer Chef gefunden wird, könnte es aber noch eine Weile dauern. Thyssenkrupp fahndet nämlich seit zwei Monaten auch nach einem neuen Aufsichtsratschef, der dann die Suche nach einem Konzernchef leiten soll. Schon für diesen Posten haben mehrere Manager abgewinkt - unter anderem Airbus-Chef Tom Enders und Ex-Bayer-Chef Marijn Dekkers.

Fondsmanager Speich warnte auch vor Schnellschüssen auf dem Posten des Vorstandschefs. Es müsse jemand gefunden werden, der das Geschäft langfristig nach vorne bringe, beschreibt er die Anforderungen. "Es muss jemand sein, der mit dem Kapitalmarkt kommunizieren kann. Es muss jemand sein, der ein Industrietechnologiehintergrund hat. Er sollte schon einmal Restrukturierungsprozesse begleitet haben. Er muss im internationalen Transaktionsfeld Erfahrungen haben. Er muss einen sehr starken Strategiefokus haben - und ein dickes Fell."

Von Tom Käckenhoff und Christoph Steitz (Reuters)

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