Freitag, 24. November 2017

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Wille statt Wissen Kann man Unternehmertum trainieren? Ja, aber nicht mit BWL-Wissen

Wille ist wichtiger als Wissen. Unternehmertum kann man nicht studieren.
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Wille ist wichtiger als Wissen. Unternehmertum kann man nicht studieren.

Heute bietet jede Business School der Welt, die etwas auf sich hält, einen MBA in Entrepreneurship an. Allein in Deutschland gibt es über 120 Hochschul-Professoren mit dem Schwerpunkt Unternehmertum. Laut Umfragen glaubt folglich inzwischen eine Mehrheit der Deutschen, dass man lernen kann, ein Gründer zu werden. Ist ja auch wichtig, denn unternehmerische Tätigkeit ist bekanntlich einer der Haupttreiber von Wachstum und Wohlstand.

Heiner Thorborg
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    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co KGaA (Frankfurt), die Heiner Thorborg & Co. (Zürich), die Initiative "Generation CEO", "The Female Factor" sowie thorborg&virzí mit den Standorten Frankfurt und Zürich.

Gleichzeitig ist die Zahl der Gründer in USA so niedrig wie seit 40 Jahren nicht. Auch in Deutschland ist die Spezies bedroht: Lag die Zahl der Existenzgründer 2004 noch über 570.000, wagten es 2015 nur noch knapp 310.000 Deutsche, künftig auf eigene Rechnung zu arbeiten. Irgendetwas läuft also gründlich schief in der Unternehmerausbildung. Aber was? Die Weltbank hatte offenbar genug von immer mehr Unternehmerkursen, die zu immer weniger Unternehmern führen und schickte ein Team nach Afrika, um herauszufinden, was den Geschäftserfolg in jungen Betrieben wirklich fördert.

Was müssen Leute wissen, die erfolgreich ihr eigenes Geschäft aufbauen wollen? Also gingen Wissenschaftler der Leuphana Universität Lüneburg und einige Weltbanker nach Togo und beobachteten 1500 Unternehmer in Westafrika.

Untersucht wurden nicht die Bedürfnisse von Großkonzernen, die ihre Stellenanzeigen mit Begriffen wie "Unternehmertypen gesucht" spicken, nur, um dann die Ideen ihrer Angestellten zu Tode zu verwalten und auch nicht die Vorstellungen der Hotshots aus dem Silicon Valley, die nur milliardenschwere "Einhorn"-Betriebe für die Zukunft halten. Und schon gar nicht die Welt der Venture Capitalists und ihre "Mezzanine"-Finanzierungsmodelle für Start-ups, denen es nur um einen möglichst hohen Profit beim Ausstieg aus einer Beteiligung geht. Stattdessen wurden Leute analysiert, die im Schnitt drei Angestellte beschäftigten und umgerechnet 170 Dollar Profit im Monat erwirtschafteten. Nur ein Drittel von ihnen hatte Listen, für die wir den Begriff Buchführung akzeptieren würden und nur einer von 20 betrieb so etwas wie eine Budgetplanung.

Die insgesamt 1500 Betriebe wurden in einem klassischen Experiment in drei zufällig definierte Gruppen geteilt: 500 Betriebe ließ man als Kontrollgruppe wie gewohnt weiter wursteln, 500 bekamen eine traditionelle BWL-Ausbildung; der Rest erhielt ein psychologisch fundiertes Training, das den Probanden beibrachte, sich Ziele zu setzen, mit Kritik und Rückschlägen umzugehen und mentale Widerstandskraft zu entwickeln.

Das Business Training setzte auf Buchführung und Finanzmanagement, Marketingkenntnisse, Personalführung und die Frage, wie man eine Klitsche auch formal zu einem richtigen Betrieb ausbaut. Das psychologische Training dagegen fokussierte darauf, Initiative zu entwickeln und mit ihren Folgen umzugehen. Wer aktiv wird, macht nämlich Fehler - und die wollen verdaut werden.

Zweieinhalb Jahre später hatten die Probanden mit dem psychologischen Training ihren Umsatz im Vergleich zu der gar nicht trainierten Gruppe um 17 Prozent gesteigert und ihren Gewinn um 30 Prozent. Auch die Produktentwicklung konnte sich sehen lassen: Die Unternehmer mit dem mentalen Coaching hatten mehr neue Produkte auf den Markt gebracht als die Vergleichsgruppe.

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Das verrückteste Ergebnis jedoch zeigte sich in der Gruppe, die den Mini-MBA in traditioneller Betriebswirtschaft hinter sich hatte: Die Forscher konnten im Vergleich zu der sich selbst überlassenen Kontrollgruppe kaum einen Fortschritt entdecken. Dem britischen Economist war die Studie und der darauf folgende Bericht in der Wissenschaftszeitung "Science" folgender Kommentar wert: "Hoffnungsfrohe Unternehmer sollten die Businessbücher meiden und sich eher den Regalen mit der psychologischen Literatur zuwenden."

Jenseits der Frotzelei lautet die gute Nachricht: Unternehmertum lässt sich also in der Tat trainieren. Es schadet dabei auch nicht, sich in Buchführung und Marketing auszukennen. Wirklich wichtig sind jedoch ganz andere Faktoren als BWL-Wissen: Belastbarkeit, Widerstandskraft und innere Motivation. Kurz: Wille ist wichtiger als Wissen. Es wäre schön, wenn diese Erkenntnis auch in anderen Unis und Business Schools ankommen würde, die unsere künftigen Unternehmer fit für die Realität machen wollen.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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