Freitag, 22. Juni 2018

Sammelklage gegen Telemarketing 1200 Dollar für jeden Anruf - aber niemand hebt ab

Telefonistin in Call Center

"Ich erkenne die Ironie", sagt John Barrett. Der Anwalt aus dem US-Staat West Virginia hat eine Sammelklage gegen den Satelliten-TV-Anbieter Dish gewonnen und kann jetzt bis zu 61 Millionen Dollar verteilen, berichtet das "Wall Street Journal" (kostenpflichtig).

Barretts Kanzlei wirft Dish vor, über Telemarketing-Firmen gut 18.000 potenzielle Kunden mit Anrufen belästigt zu haben, die sich genau das per Eintrag auf eine so genannte "No-Call-List" verbeten hatten. Seit 2003 können sich US-Amerikaner landesweit gegen unerwünschte Werbeanrufe schützen lassen. Das Gericht erkannte den Verstoß gegen dieses Verbot und sprach Barretts Mandanten 1200 Dollar für jeden Dish-Anruf zu. Ein 85-jähriger Rentner aus Arizona, der 25-mal angerufen wurde, hat - vor Anwaltskosten - Anspruch auf 30.000 Dollar.

Das Problem: Erstmal muss Barrett die Opfer erreichen, um sie zu seinen Mandanten zu machen. Und seine Botschaft ähnelt den aggressivsten Werbeversuchen, gegen die meist ältere Bürger inzwischen sensibilisiert sind. Per Brief konkurriert das Schreiben der Kanzlei mit etlichen dubiosen Wurfsendungen: "Sie könnten ein Gewinner sein!" Nach sechs Wochen hatten keine 8 Prozent der Kontaktierten geantwortet.

Deshalb versucht es der Anwalt mit Anrufen - natürlich unaufgefordert, weil im System der Sammelklage nicht vorab das Mandat von allen potenziellen Klägern vorliegen muss. Barrett handelte zunächst im Auftrag eines 75-jährigen pensionierten Museumsdirektor aus North Carolina, der fünfmal in Dishs Auftrag angerufen wurde.

Den 85-Jährigen aus Arizona überzeugte Barrett persönlich. Aber um einen großen Teil der 18.000 möglichen Gewinner zu erreichen, brauchte er eine professionelle Call-Operation. Die meisten legten sofort auf, andere prüften die Seriosität der Mitteilung in halbstündigen Telefonaten - oder schickten eigene Anwälte los, um die Anwälte zu überprüfen.

Es könnte übrigens immer noch sein, dass die vermeintlichen Gewinner doch kein Geld bekommen. Dish ist in Berufung gegangen.

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