Dienstag, 28. März 2017

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Top-Investor setzt sein Geld für Top-Frauen ein Der Bulle und das Mädchen

Neue Statue im Bowling Green Park: Ein kleines Mädchen bietet der Wall Street die Stirn
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REUTERS

Man muss die Rindviecher an der Wall Street und sonst wo nicht bei den Hörnern packen, sondern bei den Kröten. Das beweist eine Kunstaktion an der Wall Street.

Heiner Thorborg
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    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co KGaA (Frankfurt), die Heiner Thorborg & Co. (Zürich), die Initiative "Generation CEO", "The Female Factor" sowie thorborg&virzí mit den Standorten Frankfurt und Zürich.

Wenn einem etwas nicht passt, kann man lamentieren, protestieren, zum Boykott aufrufen und Gesetze verabschieden. Oder man kann das Geld sprechen lassen, mit den Füßen abstimmen und seiner Meinung mit Kunst ein Denkmal setzen. Letzteres ist die elegantere Variante. Welche wirksamer ist, wird die Zeit weisen, doch die Erfahrung lehrt, dass Geld und Wasser vieles gemeinsam haben - letzten Endes findet es immer einen Weg und erodiert dabei geduldig die Blockaden.

State Street Global Advisors Börsen-Chart zeigen, der drittgrößte Vermögensverwalter der Welt, setzt diese Erkenntnis nun ein, um Unternehmen zu motivieren, mehr Frauen in die Topetage zu berufen. Vordergründig stellte State Street der lebensgroßen Bullenplastik an der New Yorker Wall Street nur die Figur eines kleinen Mädchens gegenüber. Auf dem zweiten Blick hat es die Kunstaktion jedoch in sich: State Street will künftig gegen Vorstandsetagen votieren, in denen keine oder zu wenig Frauen sitzen.

Schließlich gibt es im amerikanischen Russell 3000, der die börsennotierten US-Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung abbildet, jede Menge Betriebe ohne weibliche Topmanager. Ein Brief an 3500 Unternehmen mit der Forderung, das Thema Frauen in der Führungsetage endlich ernst zu nehmen, ist schon unterwegs. Um im Bild zu bleiben: Der Bulle mag Wachstum, ökonomischen Einfluss und Wohlstand repräsentieren - doch sein kleines Gegenüber starrt ihn furchtlos nieder.

Gefühlt diskutieren wir nun seit 100 Jahren über die Notwendigkeit, das Topmanagement bunter und weiblicher zu machen. Studien, dass divers geführte Unternehmen erfolgreicher sind, gibt es ebenfalls schon lange und zuhauf. In vielen europäischen Ländern - nicht zuletzt in Deutschland - finden sich inzwischen Frauenquoten für die Aufsichtsräte börsennotierter Gesellschaften, aber die Anzahl weiblicher Chefs in der operativen Führung der Unternehmen im norwegischen OBX, französischen Cac 40 oder im deutschen Dax bleibt immer gleich: zu niedrig.

Neben den sachlichen Gründen - in vielen Betrieben ist der weibliche Führungsnachwuchs noch nicht so weit - liegt das vor allem daran, dass die Herren der Schöpfung es überhaupt nicht einsehen, Macht abzugeben. Das legt zumindest eine aktuelle Umfrage von PwC unter den Konzernen im amerikanischen S&P 500 nahe, wo nur jeder zwanzigste Topjob mit einer Frau besetzt ist. Auf die Frage, warum es bei ihnen nicht mehr weibliche Vorstände gibt, sagten viele der 884 befragten und zu über 80 Prozent männlichen Vorstände: "weil wir dafür keine Notwendigkeit sehen." Und dass, obwohl laut PwC acht von zehn Befragten durchaus klar ist, dass ein weniger homogener Vorstand besser für den Unternehmenserfolg wäre.

Gefragt, warum sie sich dennoch nicht aktiv für mehr Damen von Rang einsetzen, folgt stereotyp die Antwort: Es gibt nicht genug qualifizierte Frauen. Interessanterweise sagen das nur die Männer; 93 Prozent der befragten weiblichen Vorstände können durchaus genug qualifizierte Kolleginnen entdecken, mit denen sich die Frauenzahl im eigenen Board erhöhen ließe.

Fazit: Wir haben kein Frauenproblem, sondern ein Männerthema. In Entscheiderpositionen sitzen einfach zu viele Männer, die unter sich bleiben wollen, egal was Vernunft und Unternehmenserfolg eigentlich gebieten.

Genau bei diesen Bullen setzt diese wunderbar verschmitzte Kunstaktion an. State Street Global Advisor ist der Investitionsarm der State Street Bank und verwaltet mit seinen Indexfonds nahezu 2,5 Billionen Dollar an Anlagevermögen. Dieser Arm reicht weit und das nicht nur in den USA: Seit 2006 stammt ein Drittel des verwalteten Kapitals von Anlegern aus aller Welt.

Wenn State Street nun anfängt, Druck auf allzu testosteronstark geführte Unternehmen auszuüben und im Zweifelsfalls dort Gelder abzuziehen, um sie da zu investieren, wo ein divers geführtes Team für bessere Ergebnisse sorgt, wird das Heu für die Bullen schnell weniger nahrhaft. Wenn Kurse sinken, werden nämlich auch Aktienoptionen weniger wert und Bonizahlungen kleiner. State Street Global Advisors hat angesichts der unendlichen Geschichte mit begrenzt wirkungsvollen Diskussionen und Gesetzen kapiert: Man muss den Bullen nicht bei den Hörnern packen, sondern bei den Kröten.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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