Freitag, 15. Dezember 2017

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Berlins Chance nach dem Brexit Wie Berlin jetzt Startups aus London abwerben kann

Brexit: zumindest ein kleiner Grund zum Feiern

Normalerweise werden große Exits in der Startup-Welt gefeiert. Den Brexit feiert niemand. Oder doch?

Für die deutsche Startup-Industrie ist der Ausgang des EU-Referendums positiv. Allem voran die Londoner FinTech-Szene beschäftigt sich mit einem Umzug nach Frankfurt oder Berlin. So sagt beispielsweise Taavet Hinrikusder, CEO und Co-Founder von TransferWise, einem prominenten Londoner FinTech-Startup für Auslandsüberweisungen, dass er darüber nachdenkt London zu verlassen und die Firmenzentrale nach Kontinentaleuropa zu verlegen. Stefan Franzke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin Partner, ließ die Berliner Morgenpost wissen, dass allein am Tag nach der Brexit-Entscheidungfünf Londoner Startups bei ihm anriefen und ihr Interesse an einem Umzug nach Berlin bekundeten. Alle fünf Startups waren Fintechs.

Florian Nöll
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    Felix Mueller
    Florian Nöll (floriannoell.de) hat seit seiner Schulzeit mehrere Unternehmen in der Digitalen Wirtschaft gegründet. Als Vorsitzender im Bundesverband Deutsche Startups e.V. (deutschestartups.org), stv. Vorsitzender des European Startup Network, des Beirats "Junge Digitale Wirtschaft" beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie und Vorstand des cnetz "Verein für Netzpolitik e.V." (c-netz.de) engagiert er sich für einen Dialog zwischen Startups und der Politik.

London hat sich im Kopf-an-Kopf-Rennen um die europäische Startup-Hauptstadt selbst disqualifiziert und wird in Zukunft wohl nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Das ist schade, denn Wettbewerb belebt bekanntlich das Geschäft.

Doch warum führt der Brexit dazu, dass das Londoner Startup-Ökosystem signifikant schlechter gestellt wird? Und warum überwiegen die positiven Effekte des Brexits für das Berliner Startup-Ökosystem? Die Gründe sind vielfältig. Ich möchte nur die wichtigsten nennen:

1. Privates Kapital wird sich vermehrt für Berlin anstatt für London entscheiden

Der Brexit verursacht Unsicherheit. Unsicherheit ist für Finanzmärkte das wohl stärkste Allergen. Sie führt zu einem höheren antizipierten Risiko, welches Investoren aus guten Gründen meiden. Berlin hingegen bietet Stabilität. Die Stadt wächst, Deutschland geht es wirtschaftlich hervorragend, die politische Lage ist berechenbar. Privates Kapital wird sich deswegen zukünftig immer öfter für Berliner Startups entscheiden als für die Konkurrenz aus London.

2. Freizügigkeit und der Kampf um internationale Techies

Die wichtigste Ressource für wissensbasierte Unternehmen, insbesondere technologiebasierte Startups, sind kluge Köpfe. Deutschland bildet viel zu wenige Fachkräfte für die digitale Wirtschaft aus und muss sich daher dem internationalen Wettbewerb um die talentiertesten Programmierer und Entwickler stellen. Grundvoraussetzung hierfür ist eine unkomplizierte Arbeits-Migration und die Freizügigkeit der Arbeitnehmer. Wenn diese Grundvoraussetzung in London zukünftig nicht mehr selbstverständlich ist, wird London vermutlich einen schmerzhaften Braindrain erleiden. Zudem ist der Brexit schon heute alles andere als ein positives Signal der Willkommenskultur.

3. Der europäische Binnenmarkt wird für London schwerer zu erreichen sein

Startups werden international gegründet. Nicht nur Gründer und Mitarbeiter spiegeln die Internationalität, auch die Geschäftsmodelle und Skalierungsstrategien sind zunehmend auf den internationalen Marktzugang geeicht. Der Austritt aus der EU führt zu der Notwendigkeit, Handelsabkommen neu zu verhandeln. Zwar wird auch deutschen Startups der Zugang zu 64 Millionen britischen Konsumenten erschwert, doch dieser wird zu verkraften sein. Fest steht jedenfalls: Londoner Startups werden nicht so einfach in EU-Staaten internationalisieren können wie Berliner.

4. Unterschiedliche Verordnungen und Rahmenbedingungen erhöhen die Transaktionskosten

Eine der größten wirtschaftspolitischen Errungenschaften der EU ist die Vereinheitlichung zahlreicher Vorschriften, Obergrenzen, Bestimmungen und weiteren Normen, die für grenzüberschreitenden Handel und Verkehr relevant sind.

Die EU arbeitet derzeit mit Datenschutzgrundverordnung oder der Kapitalmarktunion an konkreten Harmonisierungen für die digitale Wirtschaft. In Zukunft wird es nicht mehr selbstverständlich sein, dass diese Bestimmungen in London dieselben sein werden wie in Berlin, Paris oder Warschau. Dies erhöht in vielerlei Hinsicht die Transaktionskosten für Startups. Warum deshalb nicht gleich lieber in Berlin gründen? Diese Frage werden sich viele britische Gründer stellen müssen.

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