Mittwoch, 13. Dezember 2017

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Prostituierte bevölkern Party der Digitalkonferenz Noah Wie die wichtigste Berliner Digitalkonferenz im Rotlicht versank

Bordell in Frankfurt. Ganz so eindeutig war es auf der Digitalkonferenz Noah in Berlin nicht. Aber viel gefehlt hat auch nicht.

Die Tech-Konferenz "Noah" ist für die europäische Internetwirtschaft wie ein Klassentreffen. Start-up-Gründer treffen hier auf Investoren, Politiker und Manager der Old Economy. So auch in dieser Woche: Ob Oliver Samwer (Rocket Internet Börsen-Chart zeigen), Rubin Ritter (Zalando), Henry Blodget (Business Insider) oder die Vorstandsvorsitzenden von Adidas Börsen-Chart zeigen und Metro Börsen-Chart zeigen - die Crème de la Crème der Szene versammelte sich in Berlin, um über die digitale Transformation zu diskutieren. Das Highlight: Ein Schlagabtausch zwischen Daimler-Boss Dieter Zetsche und Uber-Gründer Travis Kalanick.

Eigentlich war die Noah auch 2016 eine gelungene Veranstaltung, doch trübte in diesem Jahr die Konferenzparty am Mittwochabend den Gesamteindruck: Eine zweistellige Anzahl Escort-Damen soll, so berichten es mehrere Teilnehmer gegenüber manager magazin, dort männlichen Gästen ihre Dienste angeboten haben. Mindestens eine Dame hatte demnach gar ein Kreditkartenlesegerät dabei. Viele Teilnehmer - vor allem weibliche - ließen die offensiven Anbahnungsversuche verärgert zurück. Zutritt zur Party hatten eigentlich nur registrierte Gäste und ihre Partner.

Der Vorfall weckt Erinnerungen an das selbstgerechte Gebaren von Investmentbankern zu ihren schlimmsten Zeiten. Bei Noah-Partys in London, heißt es, sollen in der Vergangenheit ebenfalls Gruppen von Escort-Damen hinzugestoßen sein.

Bereits am Donnerstag hatte das Szene-Blog deutsche-startups.de über den diesjährigen Vorfall in Berlin berichtet, der seitdem auf Twitter (#escortgate) aufgeregt diskutiert wird. Das Blog veröffentlichte auch eine Art Flyer, der die Escort-Damen mit der Dating-App "Ohlala" in Verbindung bringt.

Pia Poppenreiter spricht von misslungener PR-Aktion - und "guten Absichten"

Hinter Ohlala steckt die Berliner Betriebswirtin Pia Poppenreiter, die das zugehörige Start-up "Spreefang" im März 2015 gründete. "Bezahlte Dates", Budget vorschlagen, "Wie datet man jemanden außerhalb der eigenen Liga?" - die Website der App lässt dabei wenig Zweifel, was Kunden hier für einen Service erwarten dürfen.

Poppenreiter spricht auf Anfrage von einer misslungenen PR-Aktion und "guten Absichten". "Es tut uns leid. Das waren Freundinnen von mir, die einfach eine gute Zeit haben wollten", sagte Poppenreiter manager magazin. Die Lage sei "eskaliert", es seien mehr Frauen gekommen, als ursprünglich geplant.

Poppenreiter betont, dass Ohlala die Damen nicht bezahlt habe, mochte Fragen nach einer Beteiligung der Konferenzbetreiber aber nicht kommentieren.

Die Noah wird von der Londoner Beratungsgesellschaft Noah Advisors organisiert, Hauptsponsor ist der Berliner Axel-Springer-Verlag. Hinter Noah Advisors steht der Ex-Lehman-Banker Marco Rodzynek. Springer-CEO Mathias Döpfner nutzt die Konferenz gern, um sich mit bekannten Gründern zu umgeben und so an seinem Image als Digitalimpresario zu feilen.

Springer: "Wir lehnen Aktionen dieser Art ab"

Beide Organisatoren bestreiten, von der Escort-Aktion gewusst zu haben und betonen, dafür sorgen zu wollen, dass es bei diesem Einzelfall bleibt. "Wir lehnen Aktionen dieser Art ab", sagte ein Springer-Sprecher. Der Verlag war in die Planung der Abendveranstaltung außerdem wohl nicht involviert. Offen bleibt, woher die Escort-Damen die für den Eintritt nötigen Armbändchen hatten.

Zwischen Ohlala-Gründerin Poppenreiter und Springer hat es indes zumindest eine gewisse Nähe gegeben. So hat Poppenreiter ihren Co-Gründer Torsten Stüber laut einer österreichischen Gründerplattform bei "Axel Springer" kennengelernt hat und 2015 zeitweise einen Büroplatz in den Räumen des Springer-Accelerators "Plug and Play" gemietet. Über Plug and Play möchte der Verlag Kontakt in die Start-up-Szene halten.

In Konzernkreisen heißt es zudem, dass Springer-Mitarbeiterinnen im vergangenen Jahr via Rundmail explizit gebeten wurden, zur damaligen Noah-Abendparty zu kommen. Das Ziel sei die Erhöhung des Frauenanteils gewesen, was viele Springer-Frauen irritiert haben soll. Auch wenn die Mail aus 2015 in keinem Zusammenhang mit der diesjährigen Escort-Geschichte steht, lässt sie zumindest Schlüsse auf das Selbstverständnis als Konferenz-Sponsor zu.

Der Konzern mochte beide Informationen auf Anfrage nicht kommentieren.

Ohlala-Marketingchefin Lindsay Buescher gab Freitagabend derweil auf Twitter bekannt, dass die Zahl der Anmeldungen "explodiert". Fragt sich, ob es das wert war. Die Tech-Szene litt auch vorher schon unter ihrem frauenfeindlichen Image.

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