Dienstag, 22. August 2017

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Sporttotal.TV Amateurfußball automatisch ins TV - ist das der Tesla des Sportbusiness?

Wige Media hat mit Sporttotal eine digitale Plattform geschaffen, die mithilfe einer 180-Grad-Kamera und Software-Technologie den Amateurfußball automatisiert übertragbar macht. Mit dem Geschäftsmodell könnte die Sportmedienvermarktung in eine neue Dimension vorstoßen.

Die Partie SpVgg Drochtersen/Assel gegen den 1. FC Germania Egestorf- Langreder endet eins zu eins. Vor Ort, im Kehdinger Stadion, verfolgen das Spiel exakt 683 Zuschauer.

Auf den ersten Blick ein ziemlich gewöhnliches Spiel der Regionalliga Nord, wäre da nicht ein 30 Zentimeter hoher, 15 Zentimeter breiter und 10.000 Euro teurer weißer Kasten, der auf circa sechs Meter Höhe an einem Flutlicht-Mast auf Höhe der Mittellinie hängt.

Bei dem weißen Gerät handelt es sich um eine fest am Spielfeld installierte 180-Grad-Kamera-Technologie mit vier eingebauten 4K-Kameras. Nun ist eine Kamera in einem Stadion nichts Ungewöhnliches. Die Idee dahinter allerdings könnte nicht weniger als die gesamte Sportübertagung und -medienvermarktung revolutionieren.

Der Vater als Regisseur

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Heft August 2017

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Der erste Blick geht nach Köln, zum Sitz von Wige. Das Medienunternehmen hat seine Wurzeln in der klassischen Produktionstechnik. Wige produzierte unter anderem das Weltsignal für die Formel 1 und die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land sowie Bewegtbilder der Fußballbundesliga. Mehr als 40 Jahre lang funktionierte das komplexe Produktionsgeschäft hervorragend. Irgendwann aber sanken die Margen - nicht nur bei Wige. Mit TV-Produktionen Gewinne zu erzielen wurde immer schwieriger.

Wige-CEO Peter Lauterbach erkannte das Problem und richtete das Geschäftsfeld seines Unternehmens Ende 2016 neu aus. Unter anderem trennte er sich im vergangenen Jahr von zwei Tochtergesellschaften im Bereich der Medientechnik und verlagerte den Geschäftsfokus auf den Digitalbereich.

Lauterbach sagt: "Wir haben intensiv im Bereich neuer, automatisierter und skalierbarer Produktions- und Streamingwege für den Sport recherchiert." Lauterbach wurde fündig im Amateursport, genau genommen im deutschen Amateurfußball - einem Feld, das bislang noch nicht wirklich besetzt war. Die dafür notwendigen Kameras fand er in Israel, bei einem Start-up namens Pixellot, das eigentlich auf die Programmierung von Sicherheitstechnologie spezialisiert ist. In Deutschland hält seitdem Sporttotal, eine 100-prozentige Tochter von Wige, die exklusiven Nutzungsrechte an der 180-Grad- Kamera-Technologie.

Lauterbachs Idee ist gleichermaßen einfach und herausfordernd. Sporttotal will deutsche Amateurvereine mit einer ausgefeilten Videotechnik ausstatten, die es erlaubt, Fußballspiele in hoher Qualität live auf die neue Plattform Sporttotal.tv zu übertragen.

Wie man den Amateursport ins TV holt

Oder wie es Lauterbach sagt: "Wir wollen den Amateursport demokratisieren." Das Innovative an dem System ist allerdings nicht die Kamera, sondern ihre Software, die in der Lage ist, mithilfe eines Algorithmus voll automatisiert das Spielgeschehen auf dem Platz zu verfolgen. Wie ein Scan, der permanent über das Spielfeld läuft und das Schwarmverhalten der Akteure sowie den Ball verfolgt. Und das ganz ohne Chip im Ball, am Körper oder am Trikot der Spieler. Es braucht also weder Kameraleute und Regisseure noch einen Übertragungswagen.

Sportfreunde Lotte (im Pokalspiel gegen Borussia Dortmund): Nur selten schlägt einem Regionalligisten so viel Aufmerksamkeit entgegen. Doch mit Hilfe einer Software könnte auch Amateurfußball im TV verfolgt werden - ohne Kameraleute, Regisseure oder Übertragungswagen
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Sportfreunde Lotte (im Pokalspiel gegen Borussia Dortmund): Nur selten schlägt einem Regionalligisten so viel Aufmerksamkeit entgegen. Doch mit Hilfe einer Software könnte auch Amateurfußball im TV verfolgt werden - ohne Kameraleute, Regisseure oder Übertragungswagen

Durch die besondere Technik können Fußballfans per Sporttotal-App auf ihren mobilen Endgeräten, am Computer und in der Zukunft auch am Smart-TV von jedem Winkel der Erde die Spiele ihrer Lieblingsteams live verfolgen. Oder sie sehen sich künftig, so das mittelfristige Ziel, ab 30 Sekunden nach Spielende die automatisch - ohne Cutter und Redakteur - erstellten Highlights an. Quasi eine regionale "Sportschau" im Amateurfußball für jedermann.

Doch nicht nur das: Jeder Zuschauer kann selbst Regie führen, stoppen, vor- und zurückspulen und - das ist das Besondere - eine individuelle Perspektive einnehmen.

Will ein Familienvater zum Beispiel nicht nur ein Jugendspiel auf seinem Smartphone verfolgen, sondern dazwischen seinen Sohn im Tor beobachten, dann ist das möglich, obwohl sich das Spielgeschehen derzeit auf der anderen Seite des Platzes abspielt.

Auf Sporttotal.tv und auf die App können endlos viele User zugreifen. Sie können ihre individuelle Einstellung wählen und die gewünschten Szenen anschließend in den sozialen Medien teilen. Voraussetzung ist lediglich eine Internetverbindung und die App auf dem eigenen Endgerät.

Was beinahe unwirklich klingt, wurde erstmals öffentlich und erfolgreich am 16. Juli vergangenen Jahres im Rahmen des Vorbereitungsspiels des FC Bayern München in Lippstadt getestet. Der automatisierte Livestream wurde im Youtube-Kanal des FC Bayern ausgespielt. Auch ein Live- Empfang mit 4G, also ohne WLAN, war möglich. In den ersten 24 Stunden hatte das Spiel über 141.000 Abrufe.

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