Donnerstag, 21. Februar 2019

Reichenforschung Geschlossene Gesellschaft

Reichenforschung: Geschlossene Gesellschaft
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Vermögende schaden der Wirtschaft, spalten die Gesellschaft und unterhöhlen die Demokratie: Das behaupten Sozialwissenschaftler. Was taugt ihre Forschung?

Am Alten Markt in Potsdam wächst derzeit einer der spektakulärsten Museumsneubauten des Landes empor. Das Palais Barberini, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs zerbombt, entsteht neu. Wer bezahlt's? Hasso Plattner (71). Der Mitgründer von SAP Börsen-Chart zeigen will dort seine Kunstsammlung ausstellen, Bilder von Monet oder Renoir, alle erschwinglich nur für einen Milliardär wie ihn.

Gegenüber erstrahlt seit Anfang 2014 das alte Stadtschloss von Preußenkönig Friedrich II. neu. Finanzieren konnte das Land Brandenburg den Neubau nur dank einer Millionenspende - von Plattner. Ein paar Kilometer weiter Richtung Griebnitzsee liegt eines der angesehensten Lehr- und Forschungszentren im Land, das Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik, für das der Stifter mehr als 200 Millionen Euro lockermacht.

Von dort rüber zum Seeufer, entlang der Virchowstraße, thront die Churchill-Villa, 1915 bis 1917 erbaut von Architekturrevolutionär Mies van der Rohe für Franz Urbig, damals Mitinhaber der Deutschen Bank. Wem sie heute gehört? Plattner.

Geschichte und Kunst, Politik und Wissenschaft: Potsdam könnte mittlerweile auch Plattsdam heißen.

Man darf fest davon ausgehen, dass es Plattner, geboren in Berlin, reich geworden in Walldorf, nur gut meint. Aber ist er mit seinem Vermögen und dem Einfluss, den es ihm ermöglicht, nicht doch auch eine Gefahr? Für die Marktwirtschaft? Für die Gesellschaft? Für die Demokratie gar?

Das sind Fragen, die immer mehr Sozialwissenschaftler stellen. Mit allen möglichen Methoden versuchen Soziologen, Politologen und Ökonomen, mehr über die Schicht der Superreichen herauszubekommen: Woher stammen ihre Vermögen? Wie leben sie? Was denken sie? Wen wählen sie? Und was folgt daraus für das große Ganze?

Die Zeiten der reinen Neiddebatten, in denen sich Hochvermögende für ihren Erfolg nur rechtfertigen mussten, sind vorbei. Der Verzicht auf Porsche, Perlen und andere Protzereien - hierzulande seit jeher Teil der DNA vieler Reicher, um sozialer Missgunst auszuweichen - genügt nicht mehr.

Heute rücken nicht nur Milliardäre wie Plattner, sondern auch das oberste Prozent der Vermögenspyramide in den Mittelpunkt einer Debatte um die Fundamente des Gesellschaftssystems. Manche Forscher halten die Superreichen inzwischen für ein echtes Gemeinwohlrisiko - für eine neue Art von Staatsfeinden. Zu Recht?

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