Sonntag, 25. September 2016

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Social Intranet und Echtzeitkommunikation Was Deutschlands Chefs noch lernen müssen

Im Hier und Jetzt angekommen: Unternehmen lernen von den Social Media Tools à la What's App oder Facebook

Die Deutsche Bahn tut es, Daimler, Bosch, die Deutsche Telekom ohnehin: Sie alle setzen in der neuen Arbeitswelt 4.0 ein Social Intranet ein, dialogische Kommunikation in Echtzeit. Das Ziel: die Förderung einer offenen, wissensbasierten, transparenten und feedbackorientierten Unternehmenskultur.

Jeder, so die optimistische Vorstellung, soll mithilfe des hausinternen sozialen Netzes mit jedem kommunizieren können: der Vorstand mit dem Azubi, der Lokführer mit 30 Jahren Berufserfahrung mit dem Chefcontroller. Die Vorteile liegen auf der Hand: Informationen von oben nach unten, von rechts nach links und unten nach oben gelangen just-in-time dorthin, wo sie hin sollen. Wissen, das an vielen Stellen im Unternehmen zu einem Thema existiert, wird an einer Stelle zusammengetragen und allen zugänglich gemacht.

Mut ist gefordert, denn Wissen ist in großen Organisationen bekanntlich Macht. Und diese Macht muss von nun an geteilt werden. Gerade für viele Führungskräfte ist das gewöhnungsbedürftig. Außerdem - und auch das ist für viele nicht immer ganz einfach - erhält man auch noch Feedback, ebenfalls in Echtzeit. Die Meinung der Kollegen ist, sofern respektvoll formuliert, ausdrücklich gewünscht.

Aber zwischen dem Wollen und dem, was das Ego eines Chefs ertragen kann, können Welten liegen. Kritikfähigkeit und Fehlerkultur müssen gelernt sein. Viele Unternehmen stellt das vor große Herausforderungen - auch wenn nach außen alle jubeln angesichts der vielen neuen digitalen Möglichkeiten und einer die hierarchischen Grenzen auflösenden Vernetzung.

Mithilfe von Social Media die Mailflut reduzieren

Richtig umgesetzt ist diese nicht nur sozial, sondern auch betriebswirtschaftlich eine schöne Vorstellung: Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey kommt zu dem Ergebnis, dass die Produktivität von Mitarbeitern durch die Einführung eines Social Internet zwischen 20 und 25 Prozent steigen wird. Recherchen könnten bis zu 35 Prozent beschleunigt werden, die Zusammenarbeit von Teams werde effizienter und es würden bis zu 25 Prozent weniger E-Mails geschrieben.

Kein Wunder also, dass nach Erkenntnissen des Branchenverbands Bitkom bereits mehr als jedes dritte deutsche Unternehmen externe und interne Social-Media-Dienste nutzt. Bis 2019 wollen die Firmen dafür 7,8 Milliarden Euro investieren.

Doch der schöne neue Unternehmensalltag hat auch seine Tücken, denn immer noch wird zu wenig Geld und Zeit in Aufklärungs- und Motivationskampagnen gesteckt. Hinzu kommt ein Imageproblem, das viele unterschätzen: Das gute alte Intranet hat nur selten die Herzen und damit die Köpfe der Mitarbeiter erreicht. Die Erwartungen, die man in der IT- und Kommunikationsabteilung mit der unternehmenseigenen Webwelt verknüpft, werden in der Realität selten erfüllt: zu langsam, zu statisch, zu unübersichtlich.

Angesichts der vertrauten und leicht zu bedienenden Social Media Tools à la What's App oder Facebook hat es das Firmennetz doppelt schwer, sein angestaubtes Image aufzupolieren und gegen die privaten Alltagsbegleiter anzutreten.

Abschied von der Top-Down-Kommunikation

Wer sich wirklich von seiner internen Top-Down-Kommunikation und der damit verbundenen Monologstruktur verabschieden will, sollte also aufmerksam studieren, was uns Zuckerbergs Welt täglich vorexerziert. Lernen wir von Facebook, diesem sozialen Ur-Medium, das täglich fast eine Milliarde Menschen anzieht, und übernehmen wir einfach das Beste. Zeigen wir als Unternehmen, dass wir im Hier und Jetzt angekommen sind und an echtem Dialog interessiert sind. Dass wir voneinander lernen wollen, dass wir offen und konstruktiv kritisierend miteinander umgehen können. Und dass Spaß dabei zu haben ein wichtiger Erfolgsfaktor ist.

Aber machen wir uns nichts vor: Leicht wird diese schöne neue dialogorientierte Unternehmenswelt nicht zu haben sein. Mitarbeiter sind eine andere Zielgruppe als die von Zuckerbergs Marketingstrategen. Es reicht nicht, einfach eine demographische Milieuschublade aufzuziehen, stattdessen gilt es, eine über Jahre etablierte Unternehmenskultur zu sezieren und mit neuen Prinzipien und Verhaltensweisen zu füllen. Die offene, dialogorientierte und transparente Unternehmenskultur aber lässt sich nicht verordnen, sie muss gelebt werden - vor allem vorgelebt werden.

Hier sind vor allem diejenigen gefragt, die in der Vergangenheit meist über den Mitarbeitern schwebten, die Strategien und Entscheidungen einsam vordachten und sie dann verkündeten: die Chefs, die Führungskräfte, das mittlere Management. Gerade sie müssen lernen, die digitale Zukunft zu verinnerlichen und vorzuleben, sie müssen bloggen, chatten, posten - kurz: den Mitarbeitern zeigen, dass sie auch kommunizieren wollen.

Dass sie bereit sind, ihr Wissen zu teilen und andere Meinungen wollen und brauchen. Gelingt ihnen das, werden sie greifbar im Unternehmensalltag, dann werden auch die Mitarbeiter sich schnell der neuen digitalen Kommunikationskultur öffnen. Unter dem Strich haben alle Beteiligten mehr zu gewinnen als zu verlieren: ein Mehr an Miteinander, ein Mehr an Wissen, ein Mehr an konstruktivem Dialog, ein Mehr an Erfolg und Spaß. Es muss nur gewollt sein.

Antje Neubauer ist stellvertretende Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der Deutschen Bahn AG. Sie ist Mitglied im Aufsichtsrat von DB Vertrieb und im Vorstand von GenerationCEO, einem Netzwerk, das sich für die Förderung von Frauen in Führungspositionen einsetzt.


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