Dienstag, 30. August 2016

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Wirtschaftsglosse Hilfe, mein Handy stalkt mich!

Stets dabei und stets gut informiert: Weiß unser Smartphone mehr als uns lieb ist?

Soviel vorweg - ich bilde mir echt was darauf ein, als 55jähriger Oldie ziemlich professionell die Segnungen der digitalen Welt zu nutzen.

Meine Geschäftskontakte pflege ich über LinkedIn, meine privaten Termine koordiniere ich per Whatsapp, meine Fotos sind bei Flickr zu bewundern, Videos tausche ich mit meinen Patenkindern über Snapchat aus. Natürlich lasse ich mich von Ally leiten, wenn ich in Berlin zur Landesvertretung von Baden-Württemberg wandere um dort auf der Wahlparty zu feiern. Meine Finanzen halte ich per App genauso unter Kontrolle wie meinen Kleiderschrank mit den Outfit Shuffler. Das alles natürlich mit meinem Smartphone - top ausgestattet mit einer europaweit gültigen Internet-Flatrate.

Super praktisch und extrem hilfreich. Da nehme ich es auch billigend in Kauf, dass meine Daten überall abgegriffen und zu Werbezwecken genutzt werden. Es stört mich nicht wirklich, dass mir Booking.com ständig günstige Hotelangebote zu Reisen schicken, von denen ich schon vor Monaten zurückgekehrt bin. Ist doch spannend zu erfahren, dass das Doppelzimmer im wundervollen Riad Dar Akal in Marrakesch diese Woche nur 75 Euro pro Nacht kostet. Im vergangenen September musste ich offenbar völlig überteuerte 85 Euro zahlen.

Eva Müller
manager magazin
Eva Müller
Diese megarelevante Information verführt mich mit Sicherheit dazu gleich über Ostern in die rote Königstadt am Atlas zu fliegen. Schließlich weiß mein Gescheiterle aus der Handtasche gleich zu berichten, dass dort am Karfreitag bei strahlendem Sonnenschein 25 Grad Tagestemperatur erreicht werden während hier in München Schneefall bei einem lumpigen Grad zu erwarten ist.

Wie gesagt, die Datenschnüffelei akzeptiere ich. Ja, ich hoffe sogar darauf, dass mir demnächst die Aktivisten der niederländischen Initiative Setup eine hübsche Kaffeetasse mit einem Konterfei meines Wahlenkels schicken. Die Künstlergruppe fischt aus dem Web alle möglichen privaten Daten zu hunderttausenden Bürgern ab, die dort völlig problemlos zu finden sind: Vor- und Nachnamen samt Geburtstag, Adresse, Behinderung, Gesundheitszustand sowie natürlich die passenden Fotos von den Kindern der Familie.

Eines schockt mich allerdings: Warum um Himmels willen verlangt mein kleiner Klugscheißer immer wieder von mir, ich solle mir doch zum günstigen Preis von 259 statt 1000 Euro eine Gleitsichtbrille anschaffen. Woher will das dumme Ding bitte schön wissen, dass abends bei Kunstlicht wenn ich so richtig schön müde bin nach einem Tag Computerarbeit, die kleinen Patience-Karten auf dem Bildschirmchen ein bisschen schwierig zu erkennen sind.

Ist da ein Abstandsmesser eingebaut, der genau erkennt, dass das Spielchen leichter fällt wenn ich das Gerät ein wenig weiter entfernt halte? Hey, bitte schön, meine Arme sind immer noch lang genug, um alles scharf erkennen zu können. Oder hat etwa mein Laptop vertratscht, dass ich die Buchstabengröße in Word auf 200 Prozent hochgestellt habe. Die beiden tauschen sich ja hin und wieder aus - neue Adressen, Termin, Mails und so. Warum dann nicht auch intime Details über ihre Herrin und Meisterin.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Ich hör die beiden Elektrotrottel schon kichern: Ja, ja, sie wird halt auch alt, die Gute. Hihi. Hast Du gesehen - schon wieder ein Friseurtermin zum Entfernen des grauen Mittelstreifens.

Nun gut, wahrscheinlich hat es schon recht, mein smartes Phone. Ich lasse es mal nach einem Augenarzt in meiner Nähe suchen. Ganz unverbindlich natürlich nur.

Aber halt. Das hier geht jetzt wirklich zu weit. Also diese Anzeige für einen Treppenlift neben den Vorschlägen für diverse Ophtalmologen in der Umgebung. Das ist eine unverfrorene Unverschämtheit. Das nenne ich absichtliches, bösartiges Stalking.

Ein kurzer Blick in die Health-App, die es mir mit seinem jüngsten Software-Update aufgedrängt hat, sollte dem Handy doch beweisen, wie superfit ich bin. Beim Joggen überhole ich locker 10 Jahre jüngere Kettenraucher und beim Radeln kann ich sogar mit Rentnern auf dem E-Bike mithalten. Das habe ich gerade erst bei einer Tour mit meinen Eltern - beide 80 Plus - bewiesen, also zumindest auf der Ebene.

Also jetzt merke es Dir ein für alle Mal, Du impertinenter Digi-Depp: Ich bin 1961 geboren. Bis zum Treppenlift habe ich noch locker 30 Jahre Zeit. So etwas benutzen ja nicht mal die E-Biker aus meiner engsten Verwandtschaft.

Und wenn Du mir noch ein einziges Mal eine Anzeige für Inkontinenzwindeln schickst, dann kommst Du in den Elektroschrott. Die Tonne treffe ich auch ohne Brille noch!



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