Sonntag, 19. August 2018

Revolution in der Chefetage  DIESE Entscheidung muss jeder Vorstand JETZT treffen

Vorliegender, Vorlieger oder Vorleger: Noch lachen die Vorstandschefs von Daimler, BMW und Volkswagen.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.

Der französische Stardesigner Philippe Starck, ein fraglos ausgewiesener Experte für alles Kulturhistorische, hat diese Woche eine visionäre Ankündigung gemacht. Das Sitzen, so Starck, also das Ruhen auf dem Allerwertesten in seiner ureigensten Form, werde es in einigen Jahren schlicht und ergreifend nicht mehr geben.

"Meiner Meinung nach wird das Sitzen in 15 oder 20 Jahren abgeschafft worden sein", sagte der Designer dem Magazin der "Zeit". "Wir werden wohl entweder stehen oder uns hinlegen. Sicher ist, dass die sitzende Position verschwinden wird. Der Tisch wird verschwinden, der Stuhl wird verschwinden, das alles steht außer Frage."

Was Experte Starck, 69, dabei offenbar vergaß zu erwähnen: Viele weitere Dinge werden ebenfalls verschwinden. Zum Beispiel Vorsitzende.

Ohne Sitzen auch kein Vorsitzen, so einfach ist das. In 15 bis 20 Jahren, das wissen wir nun aus berufenem Munde, wird es daher keinen einzigen Vorsitzenden mehr geben. Nirgends. Keinen Vorstandsvorsitzenden, keinen Aufsichtsratsvorsitzenden, auch keinen Parteivorsitzenden und selbstverständlich - erst recht, möchte manch einer womöglich einfügen - keinen Betriebsratsvorsitzenden mehr.

Die gute Nachricht dabei ist: Ein Führungsvakuum wird dadurch kaum entstehen. Die Spitzenkräfte, die schon jetzt die Last der Verantwortung tragen und täglich wichtige Entscheidungen fällen, bleiben uns ja erhalten. Sie brauchen nur neue Berufsbezeichnungen.

Das wiederum dürfte vor allem für die Gruppe der Vorstandsvorsitzenden eine durchaus zweischneidige Angelegenheit sein. Einerseits konnten sie schon bisher mit der Bezeichnung ihrer Funktion im Unternehmen kaum glücklich sein - und jetzt müssen sie auch noch eine neue finden.

Seien wir doch mal ehrlich, wer möchte schon gerne Vorstandsvorsitzender sein? Derjenige also, der dem Vorstand vorsitzt. Steht der nun, oder sitzt er? Hat er vielleicht Rücken? Oder Bein? Irgendeinen Grund muss es ja geben, aus dem ihm das Stehen auf Dauer offenbar so zur Last fällt.

Noch sitzt er: Frankreichs Designer-Star Philippe Starck

Tatsächlich drücken Topmanager hinter vorgehaltener Hand seit jeher ihr Unbehagen über diesen Terminus aus. Vorstandsvorsitzender. Eine merkwürdig zögerliche Unentschiedenheit komme in dem Begriff zum Ausdruck, heißt es oft. Und Entscheidungsfreude, da sind sich die meisten Führungskräfte sicher, gehöre doch eigentlich zu ihren hervorragendsten Charaktereigenschaften.

Umso besser, dass der Vorstandsvorsitzende künftig nicht mehr Vorstandsvorsitzender sein wird. Aber was dann?

Laut Stardesigner Starck werden wir in 15 bis 20 Jahren nicht mehr sitzen, sondern nur noch stehen oder liegen. Für den Vorstandsvorsitzenden heißt das: Er kann künftig entweder ein Vorstandsvorstehender oder ein Vorstandsvorliegender sein. Das dürfte vor allem davon abhängen, in welcher Haltung und Umgebung das jeweilige Gremium dann seine regelmäßigen Treffen absolviert, so ganz ohne Tische und Stühle.

Denkbar ist auch die Bezeichnung als Vorstandsvorsteher oder Vorstandsvorlieger. Vorstandsvorleger hinwiederum dürfte sich als Berufsbezeichnung verbieten, wegen der Verwechslungsgefahr mit dem Bettvorleger. Ebenso wenig in Betracht kommen Begriffe wie Vorstandsvorständer, Vorstandsvorlagernder oder Vordemvorstandherumlungernder.

Opportun erscheint es indes, die Jobbezeichnung für die Topkräfte der Wirtschaft bei der Gelegenheit gleich ein wenig aufzupeppen. Mehr Lebensnähe vermittelt etwa der Begriff Vorstandsvortänzer. Vorstandsvorführer dagegen offenbart einen gewissen Sinn für Sprachwitz, wohingegen Vorstandsvorläufer auf eine besondere Dynamik an der Firmenspitze hindeutet.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Letzteres ist auch in der Variante Vorstandsvorjogger denkbar, beispielsweise, um eine besondere Nähe zum Angelsächsischen anzuzeigen. Wobei: Zu dem Zweck wird wohl auch künftig der bewährte Terminus CEO zur Verfügung stehen. Oder wird in 20 Jahren etwa auch nicht mehr exekutiert, Monsieur Starck?

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