Dienstag, 23. Oktober 2018

Ryanair-Piloten wollen europaweit streiken Ryanair-Chef verweigert Gespräche mit Gewerkschaften

Mal ohne Grimasse: Gern gibt sich Ryanair-Chef O'Leary als Spaßvogel unter den Airline-Chefs, der den Etablierten das Fürchten lehrt. Dass ein Großteil des Erfolgs der vergangenen Jahre vor allem zu Lasten der Beschäftigten ging, gerät dabei leicht aus dem Blick.

Zu Hunderten laufen Ryanair-Chef O'Leary die Piloten davon. Die anderen wollen europaweit streiken. Zum ersten Mal in der Geschichte der Airline - gegen Dumping-Löhne und miese Sozialstandards. O'Leary fällt jetzt sein gnadenloser Expansionskurs auf Kosten der Mitarbeiter auf die Füße. Verhandeln will er nicht, jedenfalls nicht mit den Gewerkschaften.

Die Wettbewerber dürften sich heimlich die Hände reiben: Der Billigairline Ryanair drohen erstmals in ihrer Geschichte Pilotenstreiks - und zwar in ganz Europa. Wann die Piloten in Deutschland an den zehn Ryanair-Basen ihre Arbeit niederlegen, wollte die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) auch am Mittwoch noch nicht erklären, um Ryanair Abwehrmaßnahmen zu erschweren, räumte VC-Präsident Ilja Schulz ein. Die Passagiere würden rechtzeitig informiert und über die Weihnachtstage vom 23. bis 26. Dezember von Streiks verschont.

Zuvor hatten Gewerkschaften in Portugal und Italien zu Arbeitskämpfen aufgerufen. Die Italiener beginnen diesen Freitag, legen zunächst für vier Stunden die Arbeit nieder, in Irland kündigte die Pilotenvereinigung IALPA einen eintägigen Streik für den 20. Dezember an.

Die Piloten werfen der 1985 gegründeten Ryanair vor, den europaweiten Flugbetrieb mit unsozialen Arbeitsbedingungen nach irischem Recht für die inzwischen rund 4000 Piloten zu organisieren. Es gebe keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, keine verbindlichen Dienstpläne, keine Altersvorsorge und ein weit verbreitetes System von scheinselbstständigen Piloten, kritisierte VC-Präsident Ilja Schulz.

Sozialstandards wie in der Steinzeit

Gerade Berufseinsteiger würden laut VC nicht direkt bei Ryanair eingestellt, sondern angehalten, eigene Mini-Gesellschaften nach britischem oder irischem Recht zu gründen und dann ihre Arbeitsleistung als Selbstständige anzubieten.

Ryanair, die mit den angeblich niedrigsten Ticketpreisen für sich wirbt, lehnt Verhandlungen mit der VC trotz der Streikandrohung kategorisch ab. In keinem Fall aber werde man mit der VC verhandeln oder die Gewerkschaft anerkennen. Auch in Irland zeigte sich Ryanair Chef Michael O'Leary angesichts des angekündigten Streiks unnachgiebig.

Die VC will nach eigenen Angaben Tarifverhandlungen erzwingen, um "marktgerechte Arbeits- und Vergütungsbedingungen" für die rund 400 in Deutschland stationierten Piloten zu erreichen. Bei dem nicht gerade hochpreisigen Ferienflieger Tuifly lägen die Vergütungen etwa 30 Prozent über dem Niveau von Ryanair.

In Kooperation mit anderen europäischen Pilotengewerkschaften will die VC aktuelle Personalprobleme der Iren ausnutzen, die aus Pilotenmangel bereits rund 20.000 Flüge im Winterflugplan streichen mussten.

20 Prozent der Piloten werden Ryanair verlassen

Laut VC verlassen Piloten in großer Zahl die Ryanair, um bei anderen Gesellschaften zu besseren Bedingungen anzuheuern. Im laufenden Jahr werde etwa jeder fünfte der rund 4000 Piloten den Dienst bei der irischen Gesellschaft quittieren. Das Problem: Ryanair muss gleichzeitig zusätzliche Crews für das weiterhin geplante Wachstum anheuern.

Ryanair Chef Michael O'Leary droht jetzt über die Auswüchse seines gnadenlos betriebenen Expansionskurses zu stolpern, der vor allem auf der Preis- und Kostenführerschaft in Europa fußt. Denn bleiben die Maschinen an Boden, weil die Piloten wegen schlechter Bezahlung und niedrigster Sozialstandards zu den Wettbewerbern flüchten, werden die Gewinne fallen.

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Tarifexperten der Vereinigung Cockpit werfen dem charismatischen Manager "systematisches Sozialdumping" vor. Die Gewerkschaft droht auch Ryanair mit einem langen Arbeitskampf: "Der Streik dauert so lange, bis in diesem Unternehmen Tarifverträge erreicht sind", erklärte VC-Chef Schulz. "Die Piloten haben es satt, sich so behandeln zu lassen. An dem Willkür-System muss sich etwas ändern."

rei mit Nachrichtenagenturen

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