Dienstag, 26. September 2017

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Rücktritt von Bahn-Chef Rüdiger Grube Abgekoppelt

Irrgarten: Rüdiger Grube, damals noch Bahn-Chef, Mitte September in Stuttgart.

Mit dem Rücktritt von Rüdiger Grube endet eine desaströse Ära bei der Deutschen Bahn - und ein absurder Schacher.

Der frischgekürte Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, hat gestern zum Auftakt seiner Kampagne mehr soziale Gerechtigkeit gefordert. Es dürfe nicht sein, sagte er sinngemäß, dass Top-Manager für Misswirtschaft noch belohnt werden, während Verkäuferinnen wegen kleinster Verfehlungen ihren Job verlieren.

Schulz scheint prompt erhört worden zu sein. Zumindest bei der Deutschen Bahn ist jetzt verhindert worden, dass die Unfähigkeit des Chefs auch noch mit einem neuen, langlaufenden Vertrag und mehr Gehalt belohnt wird. Der Aufsichtsrat (oder zumindest ein Teil davon) sperrte sich gegen Grubes Maximalforderungen und trieb ihn zum Rücktritt. Die geplante Vertragsverlängerung war ohnehin ein absurdes Manöver. Grube hätte damit nicht nur Aussicht auf den Titel "Rekord-Bahnchef" gehabt. Sondern auch auf einen anderen Rekord: die unverdienteste Vertragsverlängerung eines deutschen Spitzenmanagers seit Anno Schnee.

Im Video: Sigmar Gabriel koordiniert Suche nach Grube-Nachfolger

Eindeutiger als Grube kann ein Bahn-Lenker nicht scheitern. Seine zentrale Aufgabe - mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen - hat er glatt verfehlt. Die Güterbahn rauscht zu Tale, der Fernzug verliert Jahr für Jahr Marktanteile an die Straße, etwa die Fernbusse. Allein im hochsubventionierten Nahverkehr war ein gewisser Aufschwung festzustellen, inzwischen drängt aber auch hier die Konkurrenz die Bahn an die Seite.

Grube konnte kein taugliches Programm vorlegen. Seine "Strategie 2020" erwies sich als eine Mischung aus Wunschkonzert und Wolkenkuckucksheim. Die notorischen Qualitätsmängel wie eine hohe Unpünktlichkeit bekam er nie in den Griff. Dafür stiegen die Schulden umso schneller, die Steuerzahler dürfen noch mehr Milliarden zuschießen.

Ein paar Taschenspielertricks, die Grube für seinen Wahlkampf bemühte, ändern nichts an der desaströsen Bilanz: 21 Prozent verspätete Züge sind keine Pünktlichkeit, auch wenn es schon mal noch schlimmer war. Und von einer "Trendwende" zu sprechen, wenn die Zahlen 2016 etwas adretter aussehen als im Horrorjahr 2015 (1,3 Milliarden Euro Verlust), grenzt an das Kredenzen alternativer Fakten.

Andere wären in vergleichbarer Lage längst in aller Stille abgetreten. Grube hingegen klammerte sich ans Amt und bemühte eigentümliche Wahlhelfer wie Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla, neuerdings Netzvorstand der Deutschen Bahn. Und zelebrierte sich im Bahn-Magazin "Mobil", wo er mit Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff philosophiert, "wie man erfolgreiche Teams bildet" (was auch immer Grube davon versteht).

Grubes erzwungener Rücktritt sollte Anlass sein, möglichst bald mit einer zweiten Bahn-Reform zu beginnen. Wahrscheinlich wird es damit erst nach der Bundestagswahl losgehen. Und womöglich kann Martin Schulz wieder einen entscheidenden Beitrag dazu leisten.

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