Montag, 19. November 2018

"Ich war anwesend, aber nicht wirklich da" Faulenzen im Job - das unterschätzte Phänomen

Ikone aller Faulenzer: US-Trickserienstar Homer Simpson kombinierte Nichtstun am Arbeitsplatz auf virtuose Weise mit Nichtskönnen

Steigende Anforderungen, Überlastung, Burn-out, das liest man häufig über die Berufswelt. Es gibt aber noch eine zweite Wahrheit: Im Durchschnitt verbringen Beschäftigte bis zu drei Stunden am Tag mit Privatkram. Ein schwedischer Soziologe wollte wissen, warum sie das tun - und wie.

Hamburg - Roland Paulsen hat einige wirklich hübsche Anekdoten parat. Manches ist sogar ein wenig morbide.

Da ist zum Beispiel der Angestellte im öffentlichen Dienst von Menden im Sauerland, der vor etwa zwei Jahren in den Ruhestand ging. An seinem letzten Arbeitstag schrieb er eine Mail an seine Kollegen und teilte ihnen mit, dass er in den vergangenen 14 Jahren praktisch nichts mehr getan hatte. "Ich war anwesend, aber nicht wirklich da", war der Wortlaut, so Paulsen. "Ich bin auf den Ruhestand also gut vorbereitet."

Oder der Finanzbeamte in Finnland, der 2004 gerade Steuereingänge kontrollierte, als er plötzlich an seinem Schreibtisch verstarb. Der Mann arbeitete mit etwa 100 Leuten auf einer Etage und mit etwa 30 Kollegen in der gleichen Abteilung. Aber sein Tod wurde erst zwei Tage später entdeckt, als ihn ein Freund zum Essen abholen wollte. Die fehlende Arbeitsleistung des Steuerbeamten schien irgendwie niemand so recht vermisst zu haben.

Roland Paulsen ist Soziologe an der Universität von Lund in Schweden. Und er ist Spezialist für ein Thema, das in unserer Gesellschaft eigentlich eine gewaltige Bedeutung hat, dem aber in der Öffentlichkeit nur wenig Beachtung geschenkt wird. Man könnte fast meinen, es werde totgeschwiegen, aus Gründen, über die man nur Vermutungen anstellen kann.

Die Leute arbeiten nicht - und keiner merkt es

Es geht um die Zeit, die Menschen am Arbeitsplatz verbringen, ohne zu arbeiten. Die Medien sind voll von Berichten über die scheinbar immer unmenschlicher werdende Arbeitswelt, über Überlastung, Überstunden, Burn-out.

Es gibt aber auch eine andere Wirklichkeit, und die wird von vielen Fachleuten offenbar gewaltig unterschätzt. In dieser Realität beschäftigen sich Berufstätige im Schnitt etwa zwei Stunden am Tag mit privaten Dingen, wie jüngst das "Wall Street Journal" schrieb. Anderswo ist sogar die Rede von bis zu drei Stunden Freizeitbeschäftigung auf Kosten des Arbeitgebers. Im Klartext heißt das: Die Leute arbeiten während dieser Zeit nicht - und keiner merkt es.

Dieses "organisatorische Fehlverhalten", wie es Paulsen nennt, sei wahrscheinlich weiter verbreitet als viele Manager denken. Indizien für das wahre Ausmaß der privaten Aktivitäten am Arbeitsplatz gibt es einige. In den USA etwa, so schrieb Paulsen kürzlich in einem ausführlichen Artikel im US-Magazin "The Atlantic", fällt etwa 70 Prozent des Traffics auf pornografischen Webseiten auf die Arbeitszeit. 60 Prozent aller Onlineeinkäufe werden in den Vereinigten Staaten zwischen 9 Uhr morgens und 5 Uhr nachmittags getätigt.

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