Dienstag, 11. Dezember 2018

Frankreichs Ligue 1 überholt die Bundesliga Was Deutschlands Fußballklubs rasch lernen müssen

Robert Lewandowski: Auch der FC Bayern blieb weit hinter den eigenen Erwartungen

Henning Zülch
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    Michael Bader
    Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er ist Verfasser von zahlreichen Beiträgen zu Themen der Internationalen Rechnungslegung und Finanzkommunikation. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des jährlich vom manager magazin ausgerichteten Wettbewerbs Investors¿ Darling. Überdies beschäftigt er sich mit der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien auf die erfolgreiche Führung von Sportvereinen.

Blickt man auf die abgelaufene Bundesligasaison, macht sich Enttäuschung breit: International sind die deutschen Vereine weit hinter den Erwartungen geblieben. Erneut gab es kein Finale mit deutscher Beteiligung, national regiert die Langeweile: Der FC Bayern jagt von einem Meistertitel zum nächsten, ohne wirklich Freude darüber zu vermitteln.

Einziger Lichtblick: Eintracht Frankfurt. Man muss sich ernsthaft die Frage stellen, wohin sich die Bundesliga im Vergleich zu den übrigen europäischen Topligen in den nächsten Jahren entwickeln wird. Gibt es so etwas wie Planbarkeit im schnelllebigen Profifußball?

Die Lage der Liga

Auf der UEFA-Rangliste rangiert Deutschland auf dem vierten Platz, der vier Champions- und drei Europe-League-Plätze garantiert. Der Vorsprung vor der Ligue 1 aus Frankreich beträgt satte 15 Punkte, doch diese Sicherheit trügt. Deutschland hat in der abgelaufenen Saison 2017/2018 den schlechtesten Koeffizienten seit nahezu zehn Jahren erzielt. Tendenz: weiter fallend. Die Ligen aus Spanien, England und selbst Italien enteilen zusehends. Verfolger Frankreich begreift sich derweil immer mehr als innovativer Fußballstandort, der den Deutschen das Leben nicht nur bei der bevorstehenden Weltmeisterschaft schwer machen kann.

Um den deutschen Vereinsfußball wieder dorthin zu bringen, wo er hingehört, nämlich an die Spitze, wird es kaum reichen, nur den Zusammenhalt zu besingen, wie es die Fanta 4 so schön in Vorbereitung auf die WM tun.

Die Herausforderungen

Neben der sportlichen Situation gilt es, auch das wirtschaftliche und regulatorische Umfeld mit ins Kalkül zu ziehen. Die Umsatzentwicklung im Profifußball hat zuletzt ein explosionsartiges Wachstum erfahren - besonders im Bereich der Fernsehvermarktung. Die englische Premier League repräsentiert 36 Prozent des gesamten Umsatzes der fünf führenden europäischen Ligen. Auch in Deutschland ist das Wachstum in den letzten Jahren historisch stark gewesen, allerdings entfallen nur 34 Prozent der Umsätze in den vergangenen Spielzeiten auf die TV-Vermarktung; dies ist das niedrigste Niveau aller fünf Top-Ligen Europas. Durch den neuen TV-Rechte-Vertrag in Deutschland ist die Tendenz allerdings steigend.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung der Transfererlöse und -aufwendungen: Vier der letzten fünf Spielzeiten zeigen einen negativen Transfersaldo in der Bundesliga. Die Klubs investieren folglich umfangreich, um ihre Wettbewerbsfähigkeit national wie international zu stärken. Die Folge ist eine fortschreitende Gehaltsinflation, die die finanzielle Stabilität der Vereine bedrohen kann. Themen wie Financial Fair Play und 50+1-Regel rücken immer mehr in den Fokus. Der regulatorische Rahmen muss zwingend reformiert werden, wenn Deutschland künftig international mithalten können will.

Planbarkeit durch Professionalisierung

Um den künftigen Herausforderungen gewachsen zu sein, müssen sich die deutschen Fußballklubs zwingend weiter professionalisieren. Eine erhöhte Professionalisierung kann die Wahrscheinlichkeit des sportlichen Erfolgs wesentlich erhöhen. Mit dem sogenannten FoMa-Q-Score (Football Management-Quality-Score), der 2017 an der HHL Leipzig Graduate School of Management entwickelt wurde, wird ein erster Einblick in den Grad der Professionalisierung der Profivereine geliefert mit Ansatzpunkten zur individuellen Verbesserung. So sind neben dem durchaus schwierigen sportlichen Bereich vor allem die Bereiche "Führungsstrukturen", "Fanwohl" und "Finanzen" zu optimieren. Gerade in den Führungsstrukturen zeigen die Bundesligisten aktuell noch sehr große Defizite, die sie schnellstmöglich beheben sollten. Gehen die Bundesligaklubs diese Defizite an, sind sie bereit für die großen Aufgaben der Digitalisierung und Internationalisierung.

Frankreich als Vorbild?

Die Ligue 1 ist der größte Konkurrent der deutschen Bundesliga um die Fleischtöpfe des europäischen Fußballs. 15 Punkte in der Wertung trennen uns - noch. Ein Vergleich der Entwicklungsgeschichten und aktuellen Strukturen könnte hier für viele Traditionalisten hilfreich sein: Während wir uns in Deutschland an der 50+1-Regel festbeißen, haben die Franzosen eine ähnliche Regelung bereits nach der WM 1998 über Bord geworfen. Zuvor mussten die Vereine mindestens 33 Prozent der Anteile an ihrer Profiabteilung innehaben.

Die Abschaffung dieser sogenannten 33er-Regel sollte den Weg freimachen für Investitionen in die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Liga - mit Erfolg. 40 Prozent der Mannschaften der Ligue 1 in der Saison 2017/2018 sind im Eigentum institutioneller Investoren, 60 Prozent in der Hand von Privatinvestoren. Diese gelungene Öffnung hat den französischen Fußball wettbewerbsfähiger gemacht. So bilden die französischen Fußballschulen mittlerweile die internationalen Stars von morgen aus. Die Ligue 1 weist ein zehnprozentiges Umsatzwachstum auf, während die Bundesliga bei 4 Prozent stagniert.

Deutschlands Strukturproblem

Frankreich besitzt eine Ausbildungsliga mit Wachstumspotenzial, die italienische Serie A ist ein Auffangbecken mit geringem Entwicklungspotenzial, die Bundesliga ist Zwischenstation auf dem Weg nach ganz oben. Die englische Premier League und spanische LaLiga dagegen symbolisieren den Olymp, sie sind die Zielligen für talentierte Spieler. Bei tieferem Blick fällt auf, dass die Bundesliga die mit Abstand besten Leistungsindikatoren der fünf Ligen aufweist: Der Zuschauerschnitt liegt bei 44.657, in Spanien nur bei 27.290. Pro Team und Spiel fallen im deutschen Fußballoberhaus 1,40 Tore, LaLiga bringt es auf 1,35. Was läuft also falsch?

Die Bundesliga lebt von ihrem guten Ruf. Allerdings zeigt sich, dass sich die höchste Spielklasse in Zukunftsfragen nicht weiterentwickelt. Sie ist nicht erneuerungsfähig. Der Druck des Marktes wird indes so stark, dass gehandelt werden muss. Daher sollten die Deutschen ähnlich wie in Frankreich darüber nachdenken, die 50+1-Regelung aufzugeben und konstruktiv Themen wie Professionalisierung, Internationalisierung und Digitalisierung in den Klubs anzugehen.

Erfolg im Profifußball ist planbar

Die Bundesliga gehört nach wie vor zu den Topligen Europas. Gerade das Stadionerlebnis ist einzigartig in Deutschland. Nur sind die Vereine nicht professionell genug, um ganz oben mitzuspielen. Dies fängt an bei den Führungsstrukturen, die im Vereinsdenken verhaftet sind. Löst sich der deutsche Fußball nicht von seiner basisdemokratischen Grundeinstellung und akzeptiert die Anforderungen des Fußballmarktes, werden weitere sogenannte Traditionsvereine den Weg in die Bedeutungslosigkeit gehen. Planbarkeit folgt somit auf Professionalisierung. Und: Zusammenhalt allein ist längst nicht mehr ausreichend; es geht um gravierende strukturelle Veränderungen.

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der renommierten HHL Leipzig Graduate School of Management und ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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