Samstag, 16. Dezember 2017

Thomas Ebeling beschimpft Zuschauer Prosieben-Chef nennt sein Publikum "fettleibig" und "arm"

Sorge um seinen Posten? Senderchef Ebeling ließ sich zu allzu offenen Worten über seine Zuschauer hinreißen

"We love to entertain you" - wir lieben es, Sie zu unterhalten. So lautet bekanntlich der Claim des Fernsehsenders Prosieben, aufgesagt seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit von vielen prominenten Gesichtern des Kanals.

Aber "Sie", wer ist das eigentlich? Sprich: Wen glaubt Prosieben vor den Geräten, wenn es sein Programm ausstrahlt?

Eine Antwort darauf gab jetzt - wenn auch indirekt - Senderchef Thomas Ebeling persönlich. In einer Telefonkonferenz mit Analysten, in der Ebeling zu den jüngsten, recht mauen Geschäftszahlen seines Hauses befragt wurde, kam die Rede auch auf die moderne, erfolgreiche Konkurrenz von Netflix und Co. Dabei geriet Ebeling offenbar in die Defensive - und ließ sich zu einer ebenso überraschend offenen wie abfälligen Charakterisierung seines Publikums hinreißen.

"All die Hollywood-Blockbuster gibt es auf unseren Sendern und nicht jeder Netflix-Film ist ein Homerun", sagte der Chef von ProSiebenSat.1 Börsen-Chart zeigen einem Bericht des Medieninformationsdienstes DWDL zufolge. Um dann in die Vollen zu gehen: "Es gibt Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen. Das ist eine Kernzielgruppe, die sich nicht ändert."

Ein bisschen fettleibig? Ein bisschen arm? Die Aussage sei zugespitzt und nur im englischen Original sowie im Zusammenhang des Konferenzverlaufs richtig zu verstehen, teilte eine ProSiebenSat.1-Sprecherin nach Angaben von DWDL auf Anfrage mit. Wenn man die Bemerkung aus dem Kontext ziehe und wortwörtlich übersetze, könne dies womöglich missverstanden werden.

Ein Sprecher von ProSiebenSat.1 ließ manager magazin online zudem das folgende Statement von Senderchef Ebeling zukommen: "Bei meiner Aussage handelte es sich natürlich um eine plakative Zuspitzung zur Illustration unterschiedlicher Mediennutzungsweisen. Mitnichten wollte ich unsere TV-Zuschauer diskreditieren. Aus dem Zusammenhang der Diskussion gerissen, ist diese Äußerung leider falsch verstanden worden, was ich sehr bedauere."

Ein Vergleich mit dem englischen Original, den DWDL angestellt hat, zeigt allerdings: Viel Spielraum für Missverständnisse gibt es da kaum. Eine andere Erklärung erscheint daher wahrscheinlicher: Bei Ebelings Publikumsschelte handelt es sich womöglich um den Ausdruck gestiegener Nervosität beim Spitzenmann eines Medienkonzerns, der bereits deutlich bessere Zeiten gesehen hat, und für dessen trübe Lage der Chef selbst womöglich bald zur Verantwortung gezogen wird.

Aufsichtsrat sucht angeblich Nachfolger für Ebeling

Hintergrund: Die Geschäftszahlen, die ProSiebenSat.1 vergangenen Woche veröffentlichte, und anlässlich derer Ebelings Analystenkonferenz stattfand, fielen einmal mehr enttäuschend aus. Wegen schwacher Werbeeinnahmen, hoher Programmkosten und verschobenen Produktionen musste das Unternehmen seine Finanzziele nach unten korrigieren.

Der TV-Konzern hatte bereits mehrmals in diesem Jahr seine Erwartungen für das Fernsehwerbegeschäft gesenkt, dabei aber an seinen Prognosen festgehalten. Nach einem schwachen Ergebnis der ersten neun Monate und einigen Problemen im vierten Quartal war dies nun nicht mehr möglich.

An der Börse sorgte das für einen herben Kursrutsch bei den ohnehin schon seit einiger Zeit unter Druck stehenden Aktien. Um über 10 Prozent ging es für die Papiere von ProSiebenSat.1 zeitweilig bergab. Damit bringt es der Konzern nur noch auf eine Marktkapitalisierung von knapp 5,8 Milliarden Euro - der Aktie droht damit der Abstieg aus dem deutschen Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Für Konzernchef Ebeling könnte das unangenehme Folgen haben: Berichten zufolge sucht der Aufsichtsrat von ProSiebenSat.1 bereits nach einem Nachfolger, der den TV-Konzern wieder in die Spur bringen soll.

Kurzum: Großes Kino, das sich da gerade am Firmensitz in Unterföhring abspielt. Die Zuschauer von ProSieben und Sat.1 können es sich auf ihren Sofas schön gemütlich machen, und mitverfolgen, wie es mit Senderchef Ebeling weitergeht.

Mit Material von dpa-afx

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