Samstag, 21. April 2018

Gescheiterter Niki-Kauf Das Lufthansa-Märchen über die Niki-Slots

Foto: REUTERS

Die Lufthansa begründet ihren Rückzug vom Kauf der Fluglinie Niki mit dem Nein der EU-Wettbewerbshüter. Nun kam heraus: Der Konzern wollte die meisten Start- und Landerechte behalten - und sich eine Monopolstellung sichern.

Als die Lufthansa Börsen-Chart zeigen kürzlich noch um das Ja der EU-Kommission zur Übernahme der Fluglinie Niki warb, schwang Carsten Spohr große Worte. "Wir übernehmen eine Niki quasi ohne Slots, wenn es dann zum OK der Europäischen Kommission kommt", behauptete der Konzernchef Anfang Dezember.

Die Slots, also die Start- und Landerechte auf überfüllten Flughäfen, sind das begehrteste Überbleibsel der Air-Berlin-Gruppe. Und als die Lufthansa dann an diesem Mittwoch ihr Angebot zurückzog, erklärte der Konzern, man habe den Brüsseler Wettbewerbshütern "umfangreiche Zusagen insbesondere durch den Verzicht auf Slots angeboten". Der Kommission habe das jedoch nicht gereicht.

Nun aber stellt sich heraus: Die Lufthansa wollte für die Niki-Übernahme kaum auf die wichtigsten Slots verzichten. Nach SPIEGEL-Informationen erklärte sie sich weder in Berlin-Tegel noch in München bereit, Start- und Landerechte von Niki preiszugeben. Nur in Düsseldorf hätte sie einen kleinen Teil ihrer Slots an die TUIfly und einen anderen Wettbewerber übertragen. Tegel, Düsseldorf und München waren die mit Abstand wichtigsten deutschen Flughäfen der Air-Berlin-Gruppe.

Lufthansa strebte Monopolstellung an

Die Lufthansa hätte sich also eine alles dominierende Stellung in Deutschland gesichert. Denn Start- und Landerechte sind der entscheidende Engpass im überlasteten Luftraum. Und die Air-Berlin-Gruppe besaß mehr als 160.000 solcher Abflug- und Landegenehmigungen pro Jahr.

Auch auf dem wichtigsten Auslandsflughafen der einstigen Air-Berlin-Gruppe, Palma de Mallorca, wollte die Lufthansa-Gruppe allenfalls einen kleinen Teil der Slots abtreten. Damit hätte der Konzern die profitablen Strecken zwischen Mallorca und dem deutschsprachigen Raum, wo selbst Air Berlin einst gutes Geld verdiente, mit großem Abstand dominiert. Und auch auf anderen beliebten Urlauber-Flughäfen sowie in Zürich wollte der Kranich-Konzern nur auf wenige Rechte verzichten. Ein Sprecher der Lufthansa sagte auf SPIEGEL-Anfrage: "Wir dürfen dazu nichts sagen."

Von einer "Niki quasi ohne Slots", wie Spohr behauptet, konnte jedenfalls keine Rede sein beim Lufthansa-Angebot. Dieses hätte dem deutschen Marktführer auf Jahre hinaus ein Quasi-Monopol am Himmel über Deutschland und einigen lukrativen Urlaubsrouten gesichert. Zudem hätte die Lufthansa selbst von den freigegebenen Slots einen Teil zurückbekommen, da diese meist in Pools wandern und nach Marktanteilen wieder verteilt werden. Die Brüsseler Wettbewerbshüter unter Kommissarin Margrethe Vestager konnten unter diesen Voraussetzungen kaum anders handeln, als die Eingliederung von Niki in den Konzern abzulehnen.

"Haltung der EU-Kommission ist nachvollziehbar"

"Die Haltung der EU-Kommission ist nachvollziehbar, denn sie muss die Interessen der Verbraucher schützen", sagt der Luftfahrtexperte Gerald Wissel, Chef des Hamburger Beratungshauses Airborne Consulting. "Wir beobachten schon länger die Tendenz zu Preissteigerungen auf Strecken, auf denen die Lufthansa-Gruppe eine monopolähnliche Stellung hat." Mangelnder Wettbewerb hätte auf weiteren Routen zu Verteuerungen geführt, meint Wissel. Und: "Der Lufthansa ging es in dem Bieterverfahren von Anfang an vor allem darum, Wettbewerb zu verhindern."

Seit der Insolvenz von Air Berlin hatten Branchenexperten und Passagiervertreter immer wieder prophezeit, dass die Lufthansa bei einer Übernahme von Niki und anderen Teilen des Pleitekonzerns Schwierigkeiten mit den Wettbewerbsbehörden bekommen würde. Die Gläubigervertreter hätten dies bei der Vergabe von Niki ignoriert, meint Wissel: "Hätte man diese Warnungen ernst genommen, hätte man Niki anderen Interessenten geben müssen." Unter anderem hatten der Niki-Gründer Niki Lauda, der Tourismuskonzern Thomas Cook und die Condor gemeinsam um Niki gebuhlt.

Jetzt, da Niki seine Insolvenz erklärt hat, erwägt Lauda nun, doch noch einmal für sein früheres Unternehmen zu bieten. Gerüchten zufolge soll er mit seinen Mitbietern schon wieder Gespräche führen. Ein Condor-Sprecher sagte dazu auf unsere Anfrage: "Wir kommentieren diese Gerüchte nicht."

 

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