Donnerstag, 16. August 2018

Aufschlussreiches Experiment in Brandenburg Das passiert, wenn Busfahren plötzlich kostenlos ist

Stadtbus in Templin
Uckermärkische Verkehrsgesellschaft
Stadtbus in Templin

Liniennetz von Templin (zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken)

Auf den ersten Blick wirkt Templin in der Uckermark wie eine typische Kleinstadt in Brandenburg. Bürgerhäuser gruppieren sich um den quadratischen Marktplatz, darauf ruht das rote, barocke Rathaus von 1751. Umgeben ist die Stadt gut 100 Kilometer nördlich Berlins von Wald und Wasser.

Und doch wartet die 16.000-Einwohner-Kommune mit einer Besonderheit auf, die in diesen Tagen bundesweit Bedeutung hat. In Templin war der öffentliche Nahverkehr von 1998 bis 2002 kostenlos zu benutzen, und noch heute ist Busfahren spottbillig: Für 3,67 Euro im Monat gibt es freie Fahrt im gesamten Stadtgebiet.

Etwas Ähnliches schwebt jetzt offenbar auch der Bundesregierung vor - in weitaus größerem Maßstab. Am Dienstag wurde ein Papier bekannt, in dem Berlin in Brüssel die kostenlose Nutzung des Nahverkehrs als Mittel gegen die hohe Abgasbelastung preist. Die Maßnahme soll auch helfen, lästige Fahrverbote zu vermeiden. Losgehen soll es mit Tests in Reutlingen, Bonn, Essen, Herrenberg und Mannheim.

Der Vorstoß erhitzte sofort die Gemüter. Unbezahlbar sei das Ganze, wand der überraschte Städte- und Gemeindebund ein. "Das ist in etwa eine Elbphilharmonie pro Jahr", schätzte ein Sprecher des Hamburger Verkehrsverbunds die Kosten mit Blick auf das knapp 800 Millionen Euro teure Konzerthaus. Tübingens Bürgermeister Boris Palmer (Grüne) hingegen zeigte sich begeistert - und brachte seine Stadt als weiteres Testgebiet ins Spiel.

Wenig wird bisher allerdings von den Erfahrungen gesprochen, die Templin gemacht hat. Die Stadt, in der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) aufwuchs, hatte nach der Wende ein Problem wie viele Kommunen in der Gegend: Die Arbeitslosigkeit nahm zu, Bewohner zogen fort. Die, die blieben, fuhren zunehmend mit dem eigenen Auto statt mit dem Bus.

Ganze 41.360 Passagiere nutzten 1997 noch den öffentlichen Nahverkehr - im gesamten Jahr. Tag für Tag begrüßten die Fahrer somit im Schnitt 112 Fahrgäste. Das entspricht 56 Menschen, die zu einem Ziel hin - und wieder zurück gefahren sind. Gleichzeitig erstickte die adrette Innenstadt im wachsenden Autoverkehr. Auf den Pkw entfielen 90 Prozent des Verkehrsaufkommen.

Da die Einnahmen aus dem Fahrkartenverkauf ohnehin nicht viel mehr als 10 Prozent der Kosten deckten, entschlossen sich die Stadtverordneten zusammen mit der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft für eine Radikallösung. Busfahren sollte künftig kostenlos sein.

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